Viel Wellblech im Lilienfeld

15. November 2006, 12:00
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Das Gros österreichischer Wellnesshotels bleibt ohne Auszeichnung

Wellness boomt. Immer mehr Beherbergungsbetriebe versuchen, mit Einrichtungen zum Wohlfühlen Stammgäste zu halten und neue Gästeschichten anzusprechen. Allein in Österreich hat sich die Zahl der Hotels mit einschlägigem Angebot binnen eines Jahres um 61 auf 799 erhöht.

"Ein Ende des Booms zeichnet sich vorerst nicht ab", sagte Christian Werner, Tester von Wellnesshotels und Herausgeber des Relax Guide, dem Standard. Er hat mit einem 15-köpfigen Team den Wellnessdschungel durchforstet, die Betriebe anonym getestet und nach einem Punktesystem, das sich an den Besten ausrichtet, bewertet.

Teure Trittbrettfahrt

Fazit des heuer zum achten Mal durchgeführten Tests: "Nicht überall, wo Wellness draufsteht, ist Wellness drin. Es gibt viele Trittbrettfahrer, die mit unseriösen Angeboten versuchen, schnelles Geld zu machen." Und noch etwas ist Werner aufgefallen: "Es werden immer mehr Nonsense-Treatments verkauft." Das seien zumeist "sündteure Behandlungen mit null Auswirkung auf den Organismus".

Den Begriff Wellness hat vor fünfzig Jahren der amerikanische Arzt Halbert L. Dunn geprägt. Der Begriff leitet sich aus Wellbeing und Fitness bzw. Wellbeing und Happiness ab und bezeichnet ein Lebensgefühl, das am besten mit Wohlbefinden, guter, körperlicher Verfassung und Spaß umschrieben wird. Eine genaue Definition gibt es nicht.

Der Wellnesszug hat sich in Österreich in den Neunzigerjahren in Bewegung gesetzt. 1997 gab es zwischen Bodensee und Neusiedlersee 100 Hotels, die mit Wohlfühleinrichtungen aufwarten konnten. Inzwischen ist die Wellnesswelle bis in die entlegendsten Gegenden geschwappt. Jedes neue Hotel, das etwas auf sich hält, hat zumindest ein Plantschbecken oder eine Sauna im Prospekt. Es gibt aber auch eine wachsende Zahl von Hotels mit großzügigen Badelandschaften und erstklassigem Behandlungsangebot.

Als Wellness-Pionier in Österreich gilt Karl Reiter. Er hat schon in den Achtzigerjahren begonnen, im Posthotel Achenkirch Wellness einzuführen. In Österreich habe das Wort damals kaum jemand richtig buchstabieren können, erzählt der Tiroler. Das Posthotel, das Reiter von seinen Eltern übernommen hat, gilt als Messlatte in Sachen Wellness. Auch in der eben erschienenen Ausgabe des Relax Guide (248 Seiten, 17,90 Euro) hat das Posthotel Achenkirch die Bestnote 20 erreicht.

Getestet wurden sämtliche Betriebe, die mit Wohlfühleinrichtungen werben oder das Wort Wellness an der Tür prangen haben. Da wird mit den skurrilsten Sachen geworben. Ein Hotel preist seine "vitaminreichen Zitronenbäder" an. Ein anderes Hotel versucht, Therapien mit Sauerstoff angereichertem Wasser zu verkaufen mit dem Versprechen, der Sauerstoff werde vom Körper aufgenommen, die Behandlung sei "ein Gesundbrunnen für Haut und innere Organe". Werner: "In Wahrheit können weder Vitamin C noch Sauerstoff von der Haut aufgenommen werden, und auch die inneren Organe haben nichts davon."

Das Lilien-Bouquet

Zu den Top-Betrieben, wo das nicht passiert, zählen neben dem Posthotel Achenkirch der Lanserhof in Lans bei Innsbruck und das Ronacher Thermenhotel in Bad Kleinkirchheim. Zur Spitzengruppe der mit vier Lilien dekorierten Hotels gehören unter anderem der Salzburgerhof in Zell/See sowie Reiter's Supreme in Bad Tatzmannsdorf. Das Haus ist ein Schwesterbetrieb des Posthotels im Tiroler Achenkirch. Karl Reiter hat das Haus vor wenigen Jahren zusammen mit dem in Sichtweite gelegenen Avance-Hotel von der Steigenberger Gruppe übernommen. Seit dem Umbau im Vorjahr kann Reiter's Supreme mit dem größten Privathotel-Wellnessbereich der Welt aufwarten.

Enttäuscht waren die Tester vom Schloss Fuschl in Hof bei Salzburg, das drei statt erwarteter vier Lilien erhielt, sowie vom Mavida in Zell a. See (zwei Lilien) und dem neu eröffneten Dungl-Medical-Vital-Resort in Gars a. Kamp (eine Lilie).

Neben der Lage des Betriebes sind Faktoren wie Ausstattung und Qualität der Dienstleistung sowie das Preis-Leistungsverhältnis in die Bewertung eingeflossen.

Mehr als die Hälfte aller getesteten Hotels hat den Kriterien nicht entsprochen und bekam keine einzige Lilie. (Günther Strobl/Der Standard/Printausgabe/14./15.10.2006)

  • Jüngste Erweiterung von "Reiter`s Supreme": das Yin-Yang-Spa.
    foto: reiter's supreme

    Jüngste Erweiterung von "Reiter`s Supreme":
    das Yin-Yang-Spa.

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