Vinschgauer Waale-Watching

23. Oktober 2006, 10:30
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Südtirol spart vom Hochgebirgs-Akt bis zum sanften Wald- und Wiesenauftritt keine alpine Kulisse aus. Und das gleich in acht Naturparks

Dörfer sind schon untergegangen im Obervinschgau. Besser, man folgt mit der Leichtigkeit eines Papierschiffchens den alten Bewässerungskanälen, die von einem Schauplatz zum nächsten plätschern. Und nimmt sich etwas Zeit für die Ernte, die entlang der Waale gerade aufgetischt wird.

Verlaufen kann man sich im Südtiroler Vinschgau nur schwer. Man braucht lediglich den spontan ins Wasser gesetzten Papierschiffchen zu folgen, die entlang der Kanäle des Schnalstals Richtung Mittelmeer gleiten. Je nach Jahreszeit, vorbei an den weißen Wolken der blühenden Obstgehölze und dem Summen der Bienen, in einer Landschaft, die sich jetzt, im goldenen Herbstlicht, in jene kupferfarbene, sinnliche Schwere verwandelt, die normalerweise Redoutenmalern auf der Palette klebt. Klar, dass sich hinter der Reife einer alten Kulturlandschaft auch jede Menge Laufarbeit verbirgt.

Waale heißen die Gräben, in denen die Schiffchen der Kinder gleiten mögen. Schneller im Frühling, wenn das Schmelzwasser Südtirols Bewässerungskanäle in lustig rauschende Mini-Kanälchen verwandelt. Gemächlicher und mit sonorem Gurgeln im Herbst, wenn die Gletscher der umliegenden Berge - im Süden die Ortlergruppe, im Norden die Ötztaler Alpen, im Westen die Sesvennagruppe - wieder mal einige "Jahresringe" eingebüßt haben. Dann ist der sonnige, in Ost-West-Ausrichtung von hohen Gebirgsketten umringte Vinschgau vielleicht am allerschönsten, und die hochsommerliche Hitze kein Thema mehr.

Auch nicht für die Bauern der Gegend, die sich bereits seit dem frühen Mittelalter eigene Strategien überlegten, um den trockenen Talboden zwischen Kastelbell und Mals - die jährliche Niederschlagsmenge liegt hier bei lediglich 500 mm - in sinnvolles Agrarland zu verwandeln - und zwar mittels eines immer komplexer gewordenen Netzes an Bewässerungskanälen, die das kostbare Wasser der Gebirgsbäche am Fuße der Vinschger Berge gleichmäßig auf die Talsohle verteilen.

Bereits früh wurde dazu das "Wasserrecht" festgehalten, was nicht ohne heftig geführte Auseinandersetzungen abging, und im Laufe der Zeit sogar den "offiziellen" Beruf des Waalers entstehen ließ - einer Art Controller über (Wasser-) Flüsse und unautorisierte Kanäle. Ein ganzes Netz ist daraus im Laufe der Jahrhunderte entstanden, flankiert von schmalen Wegen, die zuletzt eben auch von Wanderern entdeckt wurden. Perfekt, um diesen Teil Südtirols entlang seiner fein verästelten, historischen Lebens-Arterien zu begehen, sind die in Wandermode gekommenen Waalwege nämlich allemal.

Köstliche Keschtn

Wer von Alt-Ratteis den alten Waal unterhalb von Schloss Juval nach Tschars wandert, spaziert im Regenschatten der Gebirge nämlich auch durch quintessenzielles Südtiroler Terrain. Obstwiesen flankieren die sanft verlaufenden Wege. Im Spätsommer leuchten seltene Apfelsorten wie der Cox Orangette in den Kronen der Bäume. Später gelangt man in jene Kastanienwälder, die Südtirol im Herbst mit frischen "Keschtn" versorgen - den köstlichen Maroni, die die Hauptzutat des traditionellen Törggelen-Essen stellen.

Appetit bekommt man in einem sinnlich-bukolischen Landstrich wie Südtirol ja allemal. Erstens auf zünftige Jausen, die der Hüttenwirt am besten komplett mit dunkelrotem, in Wacholder geräuchertem Südtiroler Speck, mit pikantem Fioralp-Käse und nach Anis und Fenchel duftendem Fladenbrot serviert. Schließlich macht die Bewegung in der frischen Luft hungrig, in einem Landstrich, der als Europas Wander-Dorado gilt - kein unwesentliches Detail.

Die Wahl der Wege

Immerhin spart Südtirol vom Hochgebirgs-Akt bis zum sanften Wald- und Wiesen-Auftritt ja keine alpine Kulisse aus und umfasst dabei gleich acht Naturparks auf vergleichsweise engem Raum. Die Vinschgauer Waalwege zählen dabei sicher nicht zu den schlechtesten Optionen - von "normalen" Themenwanderungen einmal abgesehen. Denn auch hier ist die Auswahl enorm. Hobby-Anthropologen bietet sich etwa der Marsch zum Fundort des Homo Tirolensis an. Er beginnt ebenfalls im Schnalstal, und führt durch das weite, flache Tisental zur Similaunhütte hinauf. Eingefleischte Gletscherfreunde können hingegen im Ortlergebiet nach neuen Eiszeit-Figuren stochern - oder sich gar am Besuch von Gletscherspalten begeistern.

Wer es lieber kühl und trocken hat, dem seien die Weinterrassen des Etsch- und Eisacktals anempfohlen: Südtirols Starwinzer ziehen hier aus französischen Reben und alten lokalen Sorten wie dem Lagrein die besten Weißweine Italiens - eine Erfolgsstory jüngeren Datums im uralten Kulturland. Komplett ist das Wander-Panorama damit freilich keineswegs: Die vom südlichen Südtiroler-Nachbarn bestaunten "molto bellissimo!"-Gipfel der Dolomiten-Klassiker bieten sich an, mit dem Villnösser Adolf-Munkel-Weg als einem der schönsten Wanderwege der Alpen überhaupt.

Archaisches Antlitz

Weniger "spettacolo" aber mehr Ahnung vom Wesen der Region verspricht indessen ein Besuch des kargen Bergbauernlandes der abgelegenen Sarntaler Alpen. Fazit: Weidende Haflinger, wettergebräunte Bauernhöfe, Gesichter wie Sommergewitter. Dass man das hier am Hof gebackene Schüttelbrot nur per Faust zertrümmern kann, passt perfekt zum archaischen Wesen einer intakt gebliebenen Bergwelt. Übrigens: Den besten Fernblick von den Gipfeln, aber auch aus dem Tal, gibt es im Oktober, wenn der Altweibersommer noch einmal die Landschaft vergoldet, und die Lärchenwälder den Almen kräftiges Rouge anlegen. Dann ist auch die beste Zeit für den Meraner Höhenweg gekommen, einer Wanderroute, die die Höhen und Tiefen des Bergfex-Lebens zumindest hinsichtlich des Geländes auf stabilem Niveau belässt. Denn im Prinzip bewegt man sich hier auf mehr oder weniger gleich bleibender Höhe von 1400 Höhenmetern fort - rund um die Texelgruppe und stets auf selbem Niveau wie Steinböcke, Gämsen und seltene alpine Orchideen. (Robert Haidinger/Der Standard/Printausgabe/14./15.10.2006)

  • Am Reschen im Vinschgau schaut nur noch der Turm einer versunkenen Kirche aus dem Wasser.
    foto: südtirol marketing / udo bernhart

    Am Reschen im Vinschgau schaut nur noch der Turm einer versunkenen Kirche aus dem Wasser.

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