Wenn ein Hoch übers Tennis zieht

13. Oktober 2006, 18:40
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Die BA-CA-Trophy wird nahezu gestürmt - Schuld daran sind Melzer, Koubek und jene Topstars, die diesmal auch gekommen sind

Wien - Gilbert Schaller, Sportdirektor des Österreichischen Tennisverbandes (ÖTV) und Nachfolger von Thomas Muster als Daviscup-Captain, ist völlig schuldlos. Er ist so etwas von nicht verantwortlich für die Erfolge von Jürgen Melzer oder Stefan Koubek, auf diese Feststellung legt er fast Wert, das muss einmal gesagt werden. "Das sind Einzelunternehmer, bei denen momentan alles zusammenpasst."

Ein Sportverband hat der Breite zu dienen und den mehr oder weniger begabten Nachwuchs zu entdecken, um ihn anschließend zu fördern. "Wir vermitteln nur eine positive Stimmung. Die besten Köpfe halten zusammen. Ich habe in der Südstadt sogar beobachtet, dass der Günter Bresnik mit dem Ronald Leitgeb geredet hat. Das hätte es früher nicht gegeben." Schaller glaubt in aller Bescheidenheit, "dass ich zu diesem Klima einen kleinen Beitrag leiste".

Die zuletzt eher siechende BA-CA-Trophy profitiert vom derzeitigen Klimawandel. Was für die Natur schlecht sein mag (Erwärmung der Ozeane usw.), ist fürs Tennis allemal ein Segen. Wobei der Beitrag des ÖTV zum 30-prozentigen Zuschauerzuwachs in der Wiener Stadthalle ein zu ignorierender ist. Er hat weder Andy Roddick noch vier weitere Profis aus dem erlauchten Kreis den Top Ten engagiert. Dass sie nicht im letzten Moment (weit nach Druck der Programmhefte) abgesagt haben, damit konnte Schaller echt kaum rechnen. "Wir haben die Tiefs lange ausgekostet, kosten wir jetzt das Hoch aus. Das Interesse hängt eben von den Erfolgen ab. Nur der Fußball wird nicht einmal dann ignoriert, wenn er am Boden liegt. Der hat sich den Luxus geschaffen, von Resultaten unabhängig zu sein."

Schuldig sind Melzer, Koubek und auch ein bisserl die 15-jährige Tamira Paszek, die Ende September ein Turnier bei den erwachsenen Frauen gewonnen hat. Melzer fühlt sich in Wien "wie von einem Lastwagen überrollt". Soll heißen: Er ist müde, bläst aus den letzten Löchern. Melzer ist doppelt belastet, er tut sich bei den meisten Turnieren mit Julian Knowle auch den Doppel-Bewerb an. "Es ist einerseits anstrengend, andererseits bin ich auch deshalb ein so guter Tennisspieler geworden."

Melzer sagt, dass man mit dem "passenden Selbstvertrauen vieles wettmachen kann. Spätestens seit dem Turniersieg in Bukarest weiß ich, dass ich mich in schwierigen Situationen auf meine Klasse verlassen kann." Am Freitag traf er im Viertelfinale der Trophy auf Topstar Andy Roddick. Ob er diesem Mensch gewordenen Lastauto standgehalten hat, war bei Blattschluss noch ungeklärt. Koubek forderte anschließend den Slowaken Dominik Hrbaty. "Der ist ein Arbeitstier."

Was mit Stefan Koubek in den vergangenen Wochen passiert ist, verdeutlichte das 1:6, 7:6, 6:2 gegen Marcos Baghdatis. Da war ein erster Satz, "der kürzer als das Einschlagen war. Aber ich blieb dran, merkte, dass er nicht wirklich fit und munter ist. Ich hatte nie das Gefühl, dass es aussichtslos ist. Ich habe definitiv einen Lauf, den ich nützen will."

Seit Juli wird Koubek von Thomas Strengberger (31), der einst ein passabler Doppelspieler war, zu den Turnieren begleitet. "Es war nur eine Frage der Zeit, Stefan ist auf dem Weg zu einer Konstanz."

Schaller freut sich derweil auf den Daviscup im Februar 2007 gegen Argentinien. Nach einer geeigneten Austragungsstätte wird gesucht: "Sie muss zumindest so groß sein, dass das Hoch genügend Platz hat." (Christian Hackl, DER STANDARD Printausgabe 14./15. Oktober)

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