Geschlossene Gesellschaft

13. Oktober 2006, 19:31
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In Rabah Ameur-Zaimeches "Bled Number One" kehrt ein Mann nach Algerien zurück - und findet ein zutiefst gespaltenes Land vor

Mit seinem orangen Sonnenhut und den dunklen Brillen hebt sich Kamel schon optisch von den anderen Männern ab. Er ist zurück in Algerien, weil er in Frankreich straffällig und abgeschoben wurde. Mit seiner alten Heimat verbindet ihn nicht mehr viel: Weder gliedert sich Kamel in die Gemeinschaft ein, noch beteiligt er sich an religiösen Ritualen. Bei einem Streit sieht er teilnahmslos zu und interessiert sich mehr für die Ameisen am Boden.

Bled Number One, der zweite Spielfilm von Rabah Ameur-Zaimeche, nähert sich über einen Außenstehenden dem Alltag Algeriens an, einem Land, das nach den Unruhen der 90er-Jahre nunmehr unter unterschwelligen Spannungen steht. Weil Kamel vom Regisseur selbst verkörpert wird, ist seine Perspektive besonders signifikant: Ameur-Zaimeche arbeitet mit langen, dokumentarisch anmutenden Einstellungen, die Kamera operiert oft in Obersicht - der distanzierte Gestus bewirkt, dass der Schwerpunkt des Films immer stärker auf Beobachtungen, denn auf dramatischer Anteilnahme liegt.

Wer konzentriert hinblickt, dem entgehen aber auch gesellschaftliche Gräben nicht: Selbst in dem scheinbar so ruhig dahin treibenden Dorfleben tritt der Widerstreit zwischen traditionelleren und moderneren Ansichten zutage. Die Dominospieler des Ortes werden von selbst ernannten Sittenwächtern aufgrund angeblich unislamischer Aktivitäten schikaniert. Gravierender noch wiegen die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern. Louisa (Meriem Serbah) verlässt ihren Mann, um Sängerin zu werden - ein Akt der Emanzipation, der mit Gewalt geahndet wird.

Unspekulativ - und in seiner Konzentration auf das Lokale gleichwohl universell - bringt Bled Number One derart die regressiven Kräfte einer Gesellschaft zum Vorschein. Kamel übermannt hier der Blues. Er muss weiter. Nur wohin? (Dominik Kamalzadeh DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15./16.10.2006)

14. 10. 15.30, Künstlerhaus
16. 10. 13.00, Gartenbau
  • Louisa (Meriem Serbah, re.) versucht sich in "Bled Number One" aus der patriarchalen Ordnung zu befreien.
    foto: viennale

    Louisa (Meriem Serbah, re.) versucht sich in "Bled Number One" aus der patriarchalen Ordnung zu befreien.

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