Urlaubsbilder aus der Popkultur

13. Oktober 2006, 19:45
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Filme aus der Hochzeit der politisch bewegten und swingenden Sixties: Retrospektive Peter Whitehead

Peter Whitehead, der heute 69-jährige britische Chronist der Swinging Sixties, wird mit einer Retrospektive geehrt. Filme aus der Hochzeit der politisch bewegten Popkultur.


Für Spätgeborene mögen sich die Reize der Filme von Peter Whitehead in engen cineastischen Grenzen halten. Immerhin waren schon in den frühen 70er-Jahren alle Filme dieses großen und singulären Dokumentaristen der "Swinging Sixties" in London gedreht und der 1937 geborene Regisseur einer der weltweit bedeutendsten Falkenzüchter in Saudi-Arabien geworden. Seit 1991, seit dem ersten Irakkrieg, ist Whitehead vor allem als Romancier tätig.

Zwischen 1964 und 1969 allerdings entstanden damals, meistens nur mit einer einzigen Kamera gefilmt, nicht nur Dokumente des kulturellen Aufbruchs und frühe Zeugnisse der damals sich in ihrer Hochzeit befindlichen und auch politisch greifen wollenden Popkultur. Hart an der Grenze von Fiktion, Dokumentation und Urlaubsfilmen aus dem eigenen kulturellen Freizeitverhalten erwanderte sich Whitehead damals in einem zwischen den Genres Film, bildende Kunst, Theater, Literatur und Popmusik äußerst durchlässigen Takatuka-Land des Alles-ist-möglich-und- wichtig eine Form von filmischer Rezeption der Zeitläufte, die vor allem auch statt profunder Analyse auf das Adabei-Gefühl der teilnehmenden und nur peripher reflektierenden Beobachtung vertraut.

Heute ganz fern und doch so nah: Whiteheads 1967 entstandenes Porträt Tonite Let's All Make Love In London. In dieser wohl jetzt im Rahmen der Whitehead'schen Retrospektive bei der Viennale den größten Publikumszuspruch erfahrenden Arbeit, gibt der Regisseur Zeugnis von der damaligen Geburt des Begriffs "Swinging London".

Man wird nicht nur Zeuge, wie sich die ersten in einer langen Reihe bis heute in den internationalen Chronikseiten der Zeitungen um Aufmerksamkeit bemühenden jungen Frauen mittels Body-Painting behübschen lassen, wie gegen den Krieg in Vietnam demonstriert wird - oder Jimi Hendrix und die frühen Pink Floyd drogenilluminiert Konzerte in kleinen Kellerclubs in Soho geben.

Whitehead, in seiner Arbeit auch immer eng mit den Rolling Stones oder Led Zeppelin verbunden und heute einer der Väter der Musik-Videoclips, interviewt zur Abrundung des Klischees einer trotz unfassbarer bürgerlicher Borniertheit florierenden Metropole auch Starmaler David Hockney oder Schauspielgrößen wie Michael Caine und Lee Marvin. Die beiden Letztgenannten äußern übrigens interessante Ansichten zum damals offensichtlich unter den Fingernägeln brennenden Thema der für die Öffentlichkeit gerade noch zumutbaren Länge des Minirocks.

Whitehead bezeichnet dies als seinerzeitigen und aus heutiger Sicht etwas skurrilen Wunsch, bekannte Personen des Kulturlebens vom damals gängigen Mythos überirdisch großer Popikonen zurück ins banale Mitmenschentum zu holen. Das wirkt mitunter wie ein etwas pausbäckiger Versuch, der schnellen Subkultur mit Super-8 hinterherzuhecheln. Sehr nett!

Neben auf der Viennale ebenfalls gezeigten Rock- und Pop-Promofilmen, die wir heute als banale, schlecht ausgeleuchtete, aber "authentische" und verwackelte Videoclips wahrnehmen, werden aber jetzt in Wien auch filmisch weitaus interessantere Arbeiten Whiteheads gezeigt werden.

Vor allem die zweistündige Dokumentation The Fall von 1969 ist hier hervorzuheben. Zwischen Oktober 1967 und März 1968 wurde Whitehead in New York nicht nur Zeuge von Vietnam-Demonstrationen, den Auswirkungen der Ermordung Dr. Martin Luther Kings oder des Aufstands der Studenten der Columbia University. Whitehead wollte gleichzeitig auch die Produktionsbedingungen des Filmes schildern, indem er sich selbst auf der Suche nach Geldgebern für diesen Film ins Spiel bringt. Frustriert von diesem Geschäft begann sich Whitehead anschließend nach einer Konzertdokumentation für Led Zeppelin (Led Zeppelin: Live At The Royal Albert Hall) langsam ganz aus der Filmszene zurückzuziehen.

Neben der 1967 entstandenen und nie regulär in die Kinos gelangten Dokumentation Benefit Of The Doubt, für die der heute 69-jährige Whitehead die Probenarbeiten und Diskussionen zur Peter-Brook-Inszenierung eines Antivietnamkrieg-Stückes der Royal Shakespeare Company festhielt, verspricht jetzt die Arbeit Wholly Communion den größten Wienbezug.

1965 im Rahmen des Beat-Poeten-Treffens in der Londoner Royal Albert Hall erleben wir neben Allen Ginsberg oder Alexander Trocchi vor allem auch den heimischen Poeten Ernst Jandl. Der stiehlt mit seinem Lautgedicht schtzngrmm allen anderen die Schau und bringt den Saal mit 5000 Besuchern tatsächlich zum begeisterten Ausrasten. Ein wahrlich großer Moment. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15./16.10.2006)

  • Popmaler David Hockney in der Doku  "Tonite Let's All Make Love In London"
    foto: viennale

    Popmaler David Hockney in der Doku "Tonite Let's All Make Love In London"

  •  Peter Whitehead
    foto: viennale

    Peter Whitehead

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