Britischer Armeechef ebnet Terrain für britischen Rückzug

16. Oktober 2006, 18:03
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Ungewöhnlicher Akt öffentlicher Kritik: Laut Sir Richard Dannatt verschlimmert die Truppenpräsenz im Irak die Sicherheitslage

Es passiert nicht oft, dass sich ein Pulk von Reportern vor den grauen Empire- Säulen des britischen Verteidigungsministeriums drängt, so dicht, als müsste jeden Augenblick Madonna mit ihrem in Afrika adoptierten Kind erscheinen. Der Mann, der so unverhofft im Rampenlicht steht, ist kein Popstar.

Er hat eine Glatze und das Charisma einer Büroklammer, er ist 55 und seit August Armeechef, ein unauffälliger Typ, kein Haudegen wie Mike Jackson, sein legendärer Vorgänger mit den markanten Tränensäcken und der knarrenden Stimme. Es liegt an einer Schlagzeile, dass Sir Richard Dannatt keinen Schritt mehr gehen kann, ohne dass ihm ein Journalist ein Mikrofon unter die Nase hält. „Wir müssen raus aus dem Irak“, zitierte ihn die „Daily Mail“ am Freitag balkendick auf der Titelseite.

Dannatt hatte der Zeitung, die sonst schnell ins Seichte abkippt, ein höchst seriöses Interview gegeben. Großbritannien sollte seine Truppen „ziemlich bald“ aus dem Irak abziehen, hat er darin gesagt, „denn unsere Präsenz verschlimmert die Sicherheitsprobleme“. „Wir sind in einem muslimischen Land, und was Muslime von Ausländern in ihrem Land halten, ist einigermaßen klar.“

Willkommen sei, wer eine Einladung habe, aber der Westen sei ja nicht eingeladen worden, zumindest nicht im Irak. „Lassen Sie uns ehrlich sein, wir haben die Tür eingetreten.“ Und was den Plan angehe, im Zweistromland eine liberale Demokratie zu schaffen: „Die Geschichte wird urteilen, ob es vernünftig war oder naiv, darauf zu hoffen“, sagt der General. „Vielleicht sollten wir unseren Ehrgeiz ein wenig zügeln.“

Das sind Sätze, wie man sie fast täglich im Londoner Unterhaus hören, in englischen Kommentarspalten lesen kann. Längst dreht sich der Diskurs nicht mehr darum, ob die Briten heimkehren sollen, sondern nur noch, wann. Denn noch weiter östlich, in Afghanistan, müssen sie wohl aufstocken, weil immer klarer wird, dass fünftausend Soldaten in der Unruheprovinz Helmand nicht ausreichen. Obendrein steht die relativ kleine Berufsarmee (207.000 Mann) im Kosovo und immer noch, wenn auch abgespeckt, in Nordirland. Schon lange fühlen sich die Streitkräfte überfordert, doch es ist das erste Mal, dass sich ihr Kommandeur so weit aus dem Fenster lehnt.

Ob Dannatt damit nicht den Bruch mit dem Premier riskiert? Ein Reporter fragt zugespitzt: „Sir Richard, wie lange bleiben Sie noch im Amt?“ Tony Blair ließ noch vor Kurzem nicht die leisesten Zweifel an seiner Irak-Strategie zu: Wer die Segel streiche, warnte er, stärke nur die Al-Kaida.

„Ach was, zwischen mich und Herrn Blair passt nicht mal ein Blatt Zigarettenpapier“, wiegelt Dannatt ab. Man habe ihn missverstanden, er sage ja nicht, dass man Hals über Kopf zum Abmarsch blasen solle. Vielmehr wolle er sich nur noch auf Basra konzentrieren und die umliegenden Landstriche räumen.

Die Millionenstadt Basra, wo schiitische Milizen um die Vorherrschaft ringen, war nach der Invasion von 2003 noch eine Oase der Ruhe gewesen, zumindest verglichen mit Bagdad. Mittlerweile ist Her Majesty’s Kontingent, 7200 Mann stark, auch dort nicht mehr Herr der Lage. Der General habe nur das wiedergegeben, was ihm seine Untergebenen tagtäglich in ihren Berichten mitteilen, meint der Londoner Militärexperte Dan Plesch. „Dannatt muss ziemlich verzweifelt sein, wenn er sich so bemüht, die Meinung der Armee nach draußen zu tragen.“ (Frank Herrmann aus London/DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.10.2006)

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    General Richard Dannatt informiert die britischen Medien über die Lage im Irak.

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