Petritsch: "Kosovo für Serbien de facto schon verloren"

16. Oktober 2006, 14:15
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Österreichischer UNO-Botschafter in Genf: Belgrad müsse "Realitäten in die Augen sehen"

Wien - Der Kosovo ist für Serbien "de facto schon verloren". Dies sagte der österreichische Botschafter bei den Vereinten Nationen in Genf, Wolfgang Petritsch, in einem Gespräch mit der APA am heutigen Freitag am Rande der Außenpolitischen Gespräche im Schloss Hernstein in Niederösterreich. Für jede Regierung sei es "schwierig bis unmöglich", einen Teil des Territoriums des eigenen Landes aufzugeben. Aber Belgrad müsse "den Realitäten in die Augen sehen, dass dieses Territorium de facto schon verloren ist".

In der Schlussphase der Verhandlungen über den künftigen Status der seit 1999 von der UNO verwalteten südserbischen Provinz Kosovo sei es wichtig, sowohl an Belgrad als auch an Pristina zu appellieren, Kompromisse ins Auge zu fassen. Es handle sich im Kosovo aber - formal gesehen - noch immer um fast zwei Millionen Bürger Serbiens, "die absolut nicht in diesem Staatsverband Serbien verbleiben wollen".

"Was könnte man den Kosovo-Albanern anbieten, damit sie dennoch in Serbien bleiben? Diese Frage ist von Belgrad noch nie beantwortet worden", meinte Petritsch. Die Formel "Mehr als Autonomie, weniger als Unabhängigkeit", die schon seit über einem Jahr bestehe, sei nie konkretisiert worden. "Persönlich glaube ich, dass es auch keine befriedigende Antwort gibt." Aus diesem Grund müsse man ein großes Maß an Realismus an den Tag legen und eine Lösung im Zusammenhang mit der internationalen Gemeinschaft, die auch eine Verantwortung habe, anstreben.

Ganz sicher werde es die internationale Gemeinschaft und insbesondere Europa nicht zulassen, dass es einen "exklusiven ethnisch albanischen Staat geben wird". Bei Gesprächen mit Kosovo-Serben habe er, Petritsch, appelliert: "Kosovo, das ist auch eure Heimat". Der Verbleib der Serben im Kosovo sei wichtig. "Vertreibungen und Flucht in Europa, damit muss ein für alle Mal Schluss sein." Den Menschen müsse in ihrer Heimat ein Leben in Würde ermöglicht werden. Europa werde alles dazu beitragen, dass dies erreicht wird.

Für Europa sei es entscheidend, den gesamten Balkan zu befrieden. Dies wäre auch ein klarer Hinweis darauf, dass die EU als Sicherheitsgemeinschaft funktionsfähig und aktionsfähig sei. Denn in Wirklichkeit gehe es längst um andere Fragen für die EU. "Die eigentliche Herausforderung für die EU ist der Nahe Osten", betonte Petritsch. Voraussetzung für die Ausübung dieser Rolle sei aber, dass der Balkan definitive Grenzen bekommt und in einer Art und Weise staatsrechtlich organisiert wird, damit die nächsten Schritte Richtung Brüssel gemacht werden könnten, und damit auch die Außenpolitik Brüssels in Richtung Nahost intensiviert werden könne. (APA)

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