Ich habe den Ausdruck "Solistin" gefunden

14. Oktober 2006, 18:00

Spinster ist seit 11 Jahren allein - glücklich, zufrieden und bewusst

Ich lebe seit 11 Jahren allein – glücklich, zufrieden und bewusst. Klar, ich brauche für alles einen Handwerker (oder den Sohn von der Hausbesorgerin), und um meinen neuen PC zu kaufen, habe ich meine Schwester mitgenommen – nicht, damit sie mir die Entscheidung abnimmt (was sie nicht kann und will), sondern damit ich nicht so allein dort stehe. Trotzdem, mit Pech hätte ich einen Mann oder Freund, der keinen Nagel in die Wand bringt und sich schlicht weigert, mich beim PC-Anschauen zu begleiten. Außerdem ist es für die Erfüllung solcher Bedürfnisse besser, mit einer Freundin, Schwester, ... zusammenzuziehen. Im übrigen würde ich nicht wollen, daß ein Mann mich heiratet, um eine Haushälterin zu haben, also möchte ich auch nicht aus praktischen Gründen mit einem Mann zusammensein.

Ich habe die längste Zeit meines Lebens mit meiner Mutter zusammen gelebt. Aus verschiedenen Gründen, zuletzt wegen ihrer Gesundheit. Das Bedürfnis, eine Partnerschaft einzugeben, hatte ich nur kurz – und da war es kein authentisches Bedürfnis, sondern von der Gesellschaft vorgegeben. Diese Blicke – was, die ist noch immer allein? Und sie lebt mit ihrer Mutter zusammen? Neurotisch!! Mit Mitte Zwanzig hat frau dann das Gefühl, tatsächlich abartig zu sein. Zum Glück hat es mit keinem richtig geklappt (und das lag nicht nur an mir).

Ich habe stets die Zeiten mit mir allein genossen und tue das jetzt noch. Sicher, nach drei Tagen ganz allein in meiner Wohnung bekomme ich das Bedürfnis, jemanden zu sehen. Dann gehe ich spazieren, gebe mir auf der Fußgängerzone „Menschen pur“, rufe eine Freundin an oder meine Schwester, um zu tratschen. Im Büro habe ich mehr als genug Kontakt mit Menschen. Außerdem, Zeiten, in denen wir das Bedürfnis nach etwas anderem als dem, was wir haben, verspüren, kennen wohl alle, auch die Verheirateten, auch die lesbischen Paarmenschen, auch jene, die häufig ihre Bekanntschaften wechseln.

Eigene Rituale

Ich habe keine Probleme mit Weihnachten und anderen auf Familie oder Paar bezogenen Feiertagen. Ich gestalte diese Tage nicht viel anders als normale Tage (vergleichbar meinen Wochenenden) – und schließlich kann frau sich eigene Rituale erfinden. Aus Weihnachten die vorchristliche "Mutter-Nacht" machen z.B. und abseits vom kommerziellen Muttertag mit ihrer Mutter und Großmutter feiern.

Ich habe auch kein Problem damit, allein ins Kino oder ins Theater zu gehen. Stimmt, ich kann mit niemandem über den Film diskutieren und Meinungen austauschen, dafür kann ich in aller Ruhe nach Hause schlendern und dem Film in mir nachwirken lassen. Es gibt ein paar Lokale, in die möchte ich als "Frau allein" nicht gehen – in die möchte ich aber auch mit einem großen, starken Mann an meiner Seite nicht reingehen, also was soll´s?

Manchesmal habe ich das Bedürfnis, ein Problem, eine Schwierigkeit mit jemandem zu besprechen oder Zuspruch zu bekommen. Dann rufe ich jemanden an. Oder, wenn niemand erreichbar ist, muß ich es eben mit mir allein ausmachen. So ist das Leben. Ich glaube nicht, daß nach vielleicht zwanzigjähriger Ehe mein Mann noch sehr daran interessiert wäre, mich zu trösten und mir zu raten. Eher müßte ich ihn trösten und aufbauen.

Spaß

Spaß haben kann frau auch allein. Ich zumindest weiß im allgemeinen, was mich zum Lachen bringt. Und mit Freundinnen kann frau mindestens so herzlich lachen wie mit ihrem Mann und dessen Freundeskreis. Und hin und wieder den Blues zu kriegen, ist normal, gesund (Wer wollte in dieser Welt nicht zeitweise die gute Laune verlieren?) und trifft Frauen mit und ohne PartnerIn.

Ich mag die Klischees von der "ehrgeizigen", "karrieregeilen", "egoistischen" Alleinstehenden nicht, die sich nicht auf andere einstellen will. Doch selbst wenn es so wäre: so what? Besser das zu erkennen und zufrieden zu leben als mit Zwang sich und andere unglücklich zu machen. All diese Ängste und Klischees, die auf alleinlebende Frauen projiziert werden! Selbst wenn sie am Hungertuch nagt und damit den (un)glücklichen Paarfrauen die Richtigkeit ihrer Lebensart scheinbar bestätigt, ist sie für fast alle Männer und sehr viele Frauen noch immer ein "rotes Tuch". Da wird "auf Teufel komm raus" projiziert. Es ärgert mich, immer wieder Unterstellungen zu lesen / zu hören oder (in Filmen, Fernsehserien, Büchern) vorgeführt zu bekommen: Singles seien tolle Menschen wie aus der Werbung, die viel Geld verdienen, dauernd unterwegs sind, die schicksten Schuhe und modischsten Kleidchen tragen, einen auf „happy pepi“ machen und dabei nur auf den nächsten warten, der eine aus ihrem Elend erlöst, weil sie ja in Wirklichkeit, so wie alle anderen auch, nur mit Partner oder Partnerin glücklich sein können.

Wie sagt Luisa Francia in ihrem neuen Buch "Wortwechsel" so schön? "Ja, ich bin beziehungsunfähig, und jetzt lasst mich in Ruhe, ich habe Wichtigeres zu tun." Ich habe vor kurzem den Ausdruck "Solistin" gefunden, und der gefällt mir. Dieses Wort sagt alles, auf das es mir ankommt.

Alleinleben ist eine wundervolle Voraussetzung für persönliches Wachstum. Das wiederum ist eine Voraussetzung für zufriedenes Alleinleben, das nicht als Belastung oder notwendige Übergangszeit, sondern als passender Lebensstil empfunden wird. Frauen, die kreativ arbeiten, haben kaum Zeit für das arbeits- und zeitintensive Zusammensein mit einem Partner / einer Partnerin. Vielleicht könnte eine Beziehung, könnten mehrere Beziehungen in einer „besseren Welt“ Kreativität unterstützen statt hemmen, ich kenne es eigentlich nur andersrum. Im Patriarchat muß eine Frau schon unter außergewöhnlich günstigen Umständen leben, um einen Partner, womöglich Kinder, zu haben und kreativ sein zu können (womöglich deshalb und nicht trotzdem)!

Beziehungslos

Alleinleben ist sicher manchmal schwer – Paarleben aber auch. Mir persönlich taugt Alleinleben im Zweifel besser. Und allein zu leben bedeutet ja nicht, völlig beziehungslos zu leben. Frau kann Freundinnen, Schwestern, Mutter, usw. haben, kann auch in einer WG mit Freundinnen leben und trotzdem ein eigenes Leben führen. Frau, die mit einem Mann zusammenlebt, kann das höchst selten.

Übers Alleinleben kann frau kaum reden, ohne die Frage nach der Sexualität gestellt zu bekommen. Gegenfrage an alle Frauen, die einen Ehemann / Freund / Partner / Lebensgefährten / Geliebten (oder: eine Partnerin / Lebensgefährtin / Geliebte) haben: Bekommt ihr immer gerade dann Sex, wenn ihr Lust darauf habt? Den Sex, den ihr wollt? Oder müsst ihr warten, bis die Fußballübertragung vorbei ist, damit Schatzi in Stimmung für eine rasche Nummer ist? Müßt ihr euch in aufreizende Dessous werfen und die Sextoys auspacken, um wieder einmal jenen erfüllenden Sex zu bekommen, der am Anfang der Beziehung ganz ohne Anstrengung eurerseits möglich war? Müßt ihr des öfteren Sex haben, obwohl ihr eigentlich nicht wollt, weil: er es „braucht“ / ihr Zärtlichkeit und Hautkontakt wollt / ihr nicht als prüde oder zickig gelten wollt?

Sex

Je nach Persönlichkeit können Solistinnen die Sache mit dem Sex regeln, wie es ihnen liegt. Einen Freund, mit dem sie sich sporadisch treffen, One-Night-Stands, Selbstbefriedigung – oder gar nichts. Das geht nämlich. Ein Leben ohne Sex ist nicht nur möglich, sondern sogar lebenswert. Ich meine nicht ohne sexuelle Bedürfnisse, sondern ohne Ausleben derselben mit anderen Menschen. Ich rede aus eigener Erfahrung. Das hat sich bei mir schon ziemlich früh so ergeben (zunächst wirklich ergeben, im Laufe der Zeit ist ein gewählter, bewusster Lebensstil daraus geworden, der zu mir passt). Und ich empfinde mich weder als freudlos, körperfeindlich, „christlich-demütig“ oder was an Klischees sonst noch herumschwirren. Auch und gerade unter Feministinnen. Bewusste Frauen müssen ihre Lust leben, sonst sind sie verklemmt, haben einen psychologischen Schaden, sind lustfeindlich, usw. Was da beispielsweise auf einer feministischen Website an Unverständnis dem sex-abstinenten Lebensstil gegenüber geäußert wurde, geht auf keine Kuhhaut! Nein, danke. Als bewusste Frau entscheide ich selber, wie, wann, wo und mit wem ( und ob überhaupt) ich meine Lust lebe. Mit Männern in unser aller Patriarchat? Auch nein danke. Mit Frauen? Tut mir leid, ich empfinde hetero. Außerdem sind wir da schon wieder mitten im Zwang zur Paarbeziehung. Wenn Menschen (besonders Frauen) sich der Paarbeziehung verweigern, herrscht blankes Unverständnis. Als ich jünger war, habe ich eine Zeitlang einen Freund im Ausland erfunden, um bei mir im Haus nicht vollkommen „zerredet“ zu werden.

Gerade in einer patriarchalen und aufs heterosexuelle Paar bezogenen Gesellschaft finde ich es eminent wichtig, daß Frauen bewusst allein leben und dazu stehen. Die amerikanische Autorin Ti-Grace Atkinson sagt: "Schließlich muss in einer Gesellschaft, die militant heterosexuell ist, Homosexualität irgendwann eine bewusste Entscheidung sein." Nicht nur Homosexualität, möchte ich hinzufügen, sondern auch Asexualität bzw. Sex-Abstinenz. Denn Homosexualität ist immer noch aufs Paar bezogen. Natürlich gibt es andere Möglichkeiten, den Mythos vom Paar aufzubrechen als die Sex-Abstinenz und das Solistinnenleben, aber diese sind eben auch Möglichkeiten und sollten als solche akzeptiert werden.

Verliebtsein

Aber verliebt sein ist doch so schön? Sicher – solange es dauert. Verliebtsein kann aber keine Basis für ein enges und womöglich lebenslängliches Zusammenleben sein. Was liebt man denn am anderen? Das, was man selbst nicht hat und darum am anderen sucht und schätzt. Das, was man gerne hätte, aber sich nicht ausleben traut. Nicht umsonst nervt eine nach dem Ende der Verliebtheit am Partner meist das am meisten, was sie am Anfang am meisten an ihm geliebt hat. Wenn frau einen gewissen Grad der Selbsterkenntnis entwickelt hat, dann kann sie sich nach meinen Erfahrungswerten und meinem Dafürhalten gar nicht mehr verlieben. Denn es gibt dann nichts mehr, das sie unbewußt im anderen sucht.

Es kann auch dann andere gute Gründe geben, mit einem Mann oder eine Frau zusammenzusein und eine sexuelle Beziehung zu haben. Wenn es die richtigen Gründe und der richtige Partner oder die richtige Partnerin sind – wundervoll! Aber nur dann. Ich will nicht sagen, daß meine Erfahrungen und Erkenntnisse für alle gültig sein müssen; wohl aber, daß es Frauen gibt, die sich bewusst und freiwillig für das Solistinnendasein entscheiden, glücklich und zufrieden sind und für die es die richtige Entscheidung ist. Und daß es auch für andere Frauen die richtige Entscheidung sein könnte, wenn sie den Gedanken an sich heranlassen würden. Ich kann Alleinleben nur empfehlen.

Von Spinster, 48
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