"Hmmm, Boston ist schwierig"

16. Oktober 2006, 11:37
17 Postings

Portugiesin erzählt auf Video über Leben in englischer Provinz - Eine Kleinstadt ging auf die Barrikaden

Auf einem Videoband erzählt eine Portugiesin über ihr Leben in der englischen Provinz - ein US-Künstler wollte es in der Bahnhofshalle abspielen, doch bevor er dazu kam, ging die Kleinstadt auf die Barrikaden: "Gehen Sie nach Hause, hier wird Sie niemand vermissen."

***

Boston - Die Stimme klingt warm und ein wenig rauchig, viele Emotionen stecken in ihr. Es ist, als breche ein Damm, als habe die Portugiesin, der die Stimme gehört, nur darauf gewartet, jemandem ihr Herz auszuschütten. "Boston", sagt die Stimme und macht eine Pause. "Hmmm, Boston ist schwierig. Ich glaube, schwierig ist das Wort, das zu Boston passt." In einem Englisch, das ein weicher südländischer Akzent färbt, erzählt die Frau ihre Geschichte.

Ende der Neunziger fand ihr Mann Arbeit in Boston ,UK, nach zwölf Monaten zog sie nach, sie mit der Tochter. Und nun wollen sie weg, nur noch weg. Vielleicht taugt Boston ja als Sprungbrett, um sich wegzukatapultieren in eine größere, tolerantere Welt. "Manchmal können die Menschen so schäbig sein", klagt die Stimme. Dieser Kerl, wie überlegen er sich fühlte, als er ihre siebenjährige Tochter beleidigte, nur weil sie keine Engländerin ist. "Es war ihm nicht schäbig genug, mich zu beschimpfen. Er musste ein kleines Mädchen beschimpfen, erst da war er zufrieden, dieser Idiot."

Die Stimme, aufgewühlt, kommt von einem Video. Ein Künstler hat es aufgenommen, ursprünglich wollte er es am Bahnhof von Boston abspielen. Sechs Minuten lang ist immer nur eine Szene zu sehen. Am Rande eines Ackers flattert eine englische Flagge, ein rotes Kreuz auf weißem Grund. Nichts passiert, der Film lebt allein von der rauchigen Stimme.

Zuspitzen, provozieren

"I Hate Boston, Boston Hates Me", das war der Arbeitstitel. Als Jordan Baseman ihn aufschrieb, hatte er das im Sinn, was einen Künstler zum Künstler macht: Zuspitzen, provozieren, Debatten anstoßen. Er sollte beschreiben, wie sich jemand fühlt, der fern seiner Heimat lebt. Baseman ist Amerikaner und wohnt in London, er schien der richtige Mann zu sein.

Kaum war sein Werk fertig, kaum schrieben die ersten Zeitungen darüber, hagelte es schon Protestbriefe. Keiner der Absender hatte das Video gesehen, doch das schien keinen zu stören. "Lassen Sie mich der Lady aus Portugal einen guten Rat geben, wie sie ihr Problem löst: Gehen Sie nach Hause, hier wird Sie niemand vermissen", schrieb ein gewisser Stephen Wyatt im Boston Target, dem Lokalblatt. Mary Wright, die Bürgermeisterin, warf dem Künstler vor, ihre Stadt nur deshalb madig zu machen, "weil Boston nicht London ist und die Leute ihre Haare kurz tragen".

Baseman hätte ihn gern gezeigt, seinen Streifen. Er hätte dafür gekämpft. Den Titel hat er schon geändert, zum harmloseren "Boston, England, UK". Aber die anonyme Frau mit der Stimme will jetzt nicht mehr, sie fürchtet Nachteile. Baseman spielt sein Band nur dem einen oder anderen Journalisten vor.

"Wir haben dem neuen Boston in den USA den Namen gegeben", streicht Phil Drury heraus und erzählt eines der aufregendsten Kapitel der örtlichen Chronik. Leise bedauert er, dass sich sein Boston heute noch immer so spießig verhält, wegen eines Videos sofort auf die Barrikaden geht.

"Die Frau auf dem Band hat doch nur die Wahrheit gesagt. Und wissen Sie, eigentlich ist es noch schlimmer." Auch Filipa hütet sich, einen Namen zu nennen, Probleme hätten sie als Portugiesen auch so schon genug. Im "Volunteer", einer Taverne im Stil ihrer Heimat, nippt die Mittdreißigerin an einem Espresso. Neben der kachelgeschmückten Eingangstür, zur Skirbeck Road hin, ist das Glas zersprungen. Es lohnt sich nicht, es zu reparieren. Es ist nicht das erste Mal, dass ein Stein in die Scheibe flog, und es wird nicht das letzte Mal sein. Die Seitenfront, zur Charles Street hin, hat man gleich mit Sperrholzplatten vernagelt.

"Es ist paradox", sagt Filipa. "Ich verstehe es nicht. Die Leute hier profitieren doch nur von uns. Sie können uns ihre Bruchbuden teuer vermieten, sie können uns ihre Rostlauben als Gebrauchtwagen andrehen, wir machen die Jobs, für die sie sich zu fein sind. Ich verstehe nicht, warum sie uns hassen."

In den Neunzigerjahren kamen die Portugiesen, heute kommen Litauer und Polen. Arbeit gibt es genug, die Arbeitslosigkeit liegt bei zwei Prozent, Hunderte Zeitfirmen werben massenhaft Saisonkräfte an, um Blumenkohl zu pflücken, Kartoffeln zu waschen, Nelken zu verpacken. Lincolnshires rollt pausenlos frische Ware heran. "Man kann gut verdienen hier, mindestens 320 Euro pro Woche", räumt Filipa ein. Sie war Sekretärin in Lissabon, dann Blumenpackerin in Boston, stieg zur Teamchefin auf, bald sogar zur Assistentin der Firmenleitung. Im August nahm sie drei Wochen Urlaub, und als sie zurückkehrte, bekam sie den blauen Brief. "Es stimmt schon, Boston kann ziemlich schäbig sein." (Frank Herrmann, DER STANDARD - Printausgabe, 13. Oktober 2006)

  • Das Pub "Volunteer" in Boston.
    foto: standard/frank herrmann

    Das Pub "Volunteer" in Boston.

Share if you care.