"Politisches Statement für Befreiung"

12. Oktober 2006, 19:44
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Erste Reaktionen auf die Preisvergabe

In den ersten Stunden nach Bekanntgabe des Preises war Orhan Pamuk, wie es seine Art ist, erst einmal abgetaucht. Kein Fernsehsender konnte ihn erreichen.

Große Freude unter türkischen Literaten, Schweigen bei der türkischen Regierung. Schon die ersten unmittelbaren Reaktionen auf die gestrige Verkündung des Nobel-Komitees, in diesem Jahr Orhan Pamuk mit dem Literaturnobelpreis auszuzeichnen, machen deutlich, dass er für sein Heimatland, die Türkei, kein ganz einfacher Preisträger ist.

Die türkische Botschaft in Österreich etwa hat zurückhaltend, aber doch erfreut auf den Literaturnobelpreis für Orhan Pamuk reagiert. Es sei großartig, dass erstmals ein türkischer Autor mit dieser hohen Auszeichnung geehrt werde, meinte Botschafter Selim Yenel. Er betonte jedoch, dass Pamuk den Preis "ausdrücklich für sein literarisches Werk und nicht für seine umstrittenen Aussagen" bekommen habe. Auf jeden Fall sei die Auszeichnung eine "sehr gute Publicity für die türkische Literatur".

In Armenien wiederum reagierte man mit einiger Genugtuung: Orhan Pamuk habe den Nobelpreis auch deshalb bekommen, weil er die Wahrheit über den osmanischen Völkermord an den Armeniern im Ersten Weltkrieg geschrieben habe, sagte etwa der Vorsitzende des armenischen Schriftstellerverbandes, David Muradjan.

Nicht überrascht zeigten sich in Österreich Schriftsteller wie Gerhard Roth, Franzobel, Robert Menasse und Robert Schindel über die Preisvergabe an Pamuk. Als Autor hält Gerhard Roth den Nobelpreisträger, der ihn "an Dostojewski" erinnere, für "nicht innovativ, aber gut". Franzobel habe erst ein Buch von Pamuk zu lesen begonnen, sei aber "nicht hineingekommen".

Franzobel: "Ich halte die Vergabe korrekt als Statement für persönliche Befreiung, oder die Befreiung der Kunst, gerade aus dem sehr strengen türkischen Denken. Gleichzeitig halte ich so eine politische Wahl immer für bedenklich." Grundsätzlich sei der Nobelpreis ein absurder Preis. "Da passiert eine Art Monumentalisierung des Werkes. Man sollte als Kandidat mindestens achtzig Jahre alt sein. So entsteht eine Auratisierung, und man verliert als Autor Schärfe und Spitze, und wird im Ruhm einzementiert, siehe Elfriede Jelinek. Ich selbst würde ihn ablehnen, trotz der Dotierung. Denn dann wird man sein eigenes Denkmal." (jg, APA / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.10.2006)

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