"Kauft euch eine Zeitung statt Haschisch"

26. Oktober 2006, 09:59
22 Postings

Satire-TV blamiert italienische Parlamentarier erneut - Wählervertrauen in Prodi sinkt

Nur zwei Tage nach dem heimlichen Test, der ein Drittel der italienischen Abgeordneten als Drogenkonsumenten entlarvte, hat die Redaktion des gefürchteten italienischen Satireprogramms "Le iene" (Die Hyänen) erneut zahlreiche Parlamentarier bloßgestellt. Mit einer Zeitung in der Hand bat die hübsche Redakteurin Sabrina Nobili zahlreiche Abgeordnete um Kommentare zum Weltgeschehen. Die Antworten fielen teilweise haarsträubend aus.

Darfur hielt der rechte Abgeordnete Giuseppe Fini für "einen hektischen Lebensstil", sein linker Kollege Pietro Squeglia konnte mit dem Begriff nichts anfangen. Ein anderer Abgeordneter hielt Darfur für eine Stadt im Libanon, ein weiterer bezeichnete Guantánamo als "Ort in Afanistan (sic!)". Für den christdemokratischen Primararzt und Mandatar Francesco Lucchese war Mandela "ein lateinamerikanischer Präsident", die Juristin Maria Ida Germontani von der Nationalen Allianz konnte die Frage nicht beantworten. Der Ulivo-Abgeordnete Alessandro Longhi gab den Namen des venezolanischen Präsidenten mit "Gomez" an, sein Kollege Gianpaolo Fogliardi war gar davon überzeugt, dass der "Treibhauseffekt die Abkühlung der Erde" bewirke. Der Forza Italia-Sprecherin Elisabetta Gardini war die in Italien durchaus geläufige Bezeichnung für die Börsenaufsicht unbekannt.

Der Corriere della Sera empfahl den Abgeordneten daraufhin am Donnerstag, sich "statt Haschisch eine Zeitung zu kaufen". Die koste weniger.

Schlechte Umfragen

Dass angesichts derartiger Auftritte das Vertrauen der Bürger in die Politik sinkt, kann nicht verwundern. Nach neuen Umfragen sind 82 Prozent aller Italiener mit der Regierung unzufrieden, die Zustimmung der Linkswähler ist um ein Drittel gesunken. In der Rangliste der beliebtesten Politiker scheint auf den ersten Plätzen kein Regierungsmitglied auf.

Ministerpräsident Romano Prodi hat bereits erste Abstriche am umstrittenen Etatentwurf in Aussicht gestellt. Nach den Protesten aufgebrachter Bürgermeister sollen die Kürzungen für die Gemeinden weniger drastisch ausfallen. Die Unternehmer beschuldigen Prodi unterdessen, "den Haushalt allein nach den Wünschen der Gewerkschaften" gestaltet zu haben. Am Donnerstag protestierten in Rom mehrere Zehntausend Anwälte und andere Freiberufler gegen das Liberalisierungspaket der Regierung.

Ob Prodi für seinen Etat eine Mehrheit im Senat findet, ist mehr als fraglich. Seit Wochen drängt der Premier alle Regierungsmitglieder, ihr Mandat im Senat niederzulegen, wo angesichts der fehlenden Mehrheit eine ständige Anwesenheit erforderlich ist. Doch am Mittwoch lehnte der Senat zum dritten Mal den Rücktritt der Gesundheitsministerin Livia Turco ab. Für die neue Niederlage des Linksbündnisses waren offenbar jene sechs Staatssekretäre verantwortlich, die einen Rücktritt vermeiden wollen. Ulivo-Sprecherin Anna Finocchiaro genervt: "Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass es in der Regierungskoalition politische Probleme gibt." (Gerhard Mumelter aus Rom/DER STANDARD, Printausgabe, 13.10.2006)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Was tut mehr weh, Dummheit oder die aktuellen Mehrheitsverhältnisse? Romano Prodi im römischen Parlament.

Share if you care.