Make Love, Not War

12. Oktober 2006, 18:49
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Der Australier Dennis O'Rourke findet im kriegsversehrten Afghanistan ein Bild von zwischenmenschlichem Glück: "Land Mines - A Love Story".

Der Krieg hat in Afghanistan eine lange Geschichte. Und es gibt wohl nur wenige andere Länder, in denen die unsichtbare, aber umso tödlichere Gefahr von Landminen diese Geschichte weitererzählen. Die zehnjährige Auseinandersetzung zwischen den Sowjets und den Mudjahedin, das Regime der Taliban, die Reaktion der USA in der Folge von 9/11: Jede Partei hat ihre Minen wie Visitenkarten im Land verstreut oder verbuddelt - rund zehn Millionen sollen es insgesamt sein.

In Land Mines - A Love Story, dem Dokumentarfilm des Aus- traliers Dennis O'Rourke, zeugen Aufnahmen aus dem Schulunterricht davon, wie alltäglich diese Gefahr tatsächlich ist: Auf einer Tafel werden den Kindern die unterschiedlichen Minentypen vorgeführt, und diese müssen sie dann klassifizieren - so als würde es sich um Baumarten handeln. Zu jeder Mine gilt es, einen Sicherheitsabstand zu memorieren, der einem das Leben retten kann. Die Lehrerin fragt immer noch einmal nach, ob auch jeder die Antwort genau verstanden hat.

Dem stellt O'Rourke, mitunter sehr polemisierend, militärische Archivaufnahmen gegenüber, instruktive Bilder, die Funktionsweise und Wirkung von Bomben sachlich anonym veranschaulichen. Doch erzählt der Film nur indirekt die Geschichte einer besonders infamen Kriegstechnologie. Die Landminen sind eher Symbol dafür, wie die nicht enden wollende Gewalt in Afghanistan jeden Alltag der Menschen bestimmt. Gibt es hinter diesem auch medial transportierten Bild des Landes auch noch ein anderes zu entdecken - ein Bild des Friedens, der Liebe womöglich? Es ist diese Spur, der Land Mines folgt - und, wie der Untertitel A Love Story anzeigt, keineswegs umsonst.

Zuerst treffen wir auf Habiba, eine junge Frau, das Gesicht unter ihrer Burka verborgen, die auf den Straßen und dem Basar von Kabul um Almosen bittet. Ihr humpelnder Gang verrät, dass auch sie ein Opfer von Minen wurde. Später wird sie erzählen, wie viel Überwindung es sie gekostet hat, das erste Mal einen Mann um Geld anzubetteln. Wie ihr vor Scham ganz heiß wurde - und wie sie danach eine Gier nach Geld angetrieben hat, die sie auch die unmoralischsten Angebote von Fremden ertragen ließ. Habiba ist auf diese Tätigkeit angewiesen, weil ihr bisher als Invalidin keine Form der staatlichen Unterstützung zuteil wurde.

Aber nicht allein dieser prekäre Status interessiert O'Rourke an dieser so unnachgiebigen jungen Frau. In dem kleinen Haus, das Habiba und ihrem Mann Shah zur Verfügung gestellt wurde, entdeckt er ein sich ganz selbstverständlich darbietendes Beispiel von familiärem Glück.

Shah, der als Mudjahedin selbst ein Bein durch eine Mine verloren hat, ist ein liebender Ehemann und Vater, der sich an der Küchenarbeit beteiligt und bei alten Erinnerungen in fröhliches Glucksen gerät. Wie sich die beiden trotz ihrer körperlichen Handikaps an dem, was sie teilen, aufzurichten vermögen - das ist schlicht bewundernswert.

In einem Land, das bis vor Kurzem von der reaktionären Geschlechterpolitik des Taliban-Regimes bestimmt wurde, muss die Liebe von Habiba und Shah wie eine humanistische Utopie wirken. Land Mines besteht allerdings darauf, dass sie genauso zur Realität Afghanistans gehört - als gelebte Realität, die ansonsten nur nicht in den Blick gerät. (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.10.2006)

14. 10., 13.00, Stadtkino
24. 10., 21.00, Urania
  • Schulunterricht in  

 Afghanistan: Wer die Mine erkennt, hat bessere Überlebenschancen.
    foto: viennale

    Schulunterricht in Afghanistan: Wer die Mine erkennt, hat bessere Überlebenschancen.

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