Die Windungen der Rede

12. Oktober 2006, 19:07
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Romuald Karmakars Dokumentarfilm "Hamburger Lektionen" bringt zu Gehör, was der islamistische Prediger Mohammed Fazazi im Januar 2000 seiner Gemeinde auseinander setzte.

Hamburger Lektionen heißt Romuald Karmakars aktueller Dokumentarfilm schlicht. Was draufsteht, ist auch drin: Der Tonmitschnitt eines Videos von Fazazis Vorträgen in der Hamburger Al-Quds-Moschee wurde transkribiert, von mehreren Übersetzern ins Deutsche übertragen und an manchen Stellen mit Kommentaren versehen.

Dieser Text ist das zentrale Thema des Films. Zugleich geht es jedoch auch um die Rhetorik, die hier zur Anwendung gelangt. Der Film eröffnet dafür ganz buchstäblich einen konzentrierten Raum der Reflexion: Vor einem dunkelgrauen Hintergrund sitzt der Schauspieler Manfred Zapatka - langjähriger künstlerischer Weggefährte Karmakars - und trägt vom Blatt vor. Er färbt den Text nicht vordergründig dramatisch ein, sondern macht ihn in erster Linie hörbar. Die Kamera zeigt ihn seitlich oder frontal, in unterschiedlichen Einstellungsformaten - von Großaufnahmen bis zu Halbtotalen, die auch das karge Studiosetting in den Blick rücken.

Worum geht es: An den Imam, der "die salafistische Variante des Islam vertritt" und zu dessen Gemeinde auch drei der Piloten von 9/11 gehörten (diese Informationen stellen Anfangs- und Schlussinserts bei), wurden im Vorfeld der Sitzungen schriftliche Fragen übermittelt. Diese werden nun beantwortet. Es sind religiöse Fragen, allerdings wird schnell klar, dass nach der Auffassung Fazazis "die islamische Religion umfassend, vollständig, widerstandsfähig, komplett und vollkommen (ist), und sie mischt sich ausnahmslos in alle Bereiche des Lebens ein: Der Islam mischt sich ein in Politik, Wirtschaft, Medien, Erziehung, Gebete, Beerdigung, Erbe, Scheidung - in alles."

Insofern betreffen die Fragen und Antworten rasch das regelkonforme Verhalten von Gläubigen in einer globalisierten Gegenwart: Unter welchen Umständen etwa ist einer Frau das Reisen ohne männliche Begleitung gestattet - schon hier wird die komplizierte Argumentationslogik deutlich.

Und es geht um den Umgang mit Ungläubigen: Gut vierzig Minuten braucht Fazazi, um die Frage, ob der Diebstahl an diesen erlaubt sei, zu beantworten. Beziehungsweise um sich einer eindeutigen Antwort zu entschlagen - während er zugleich immer heftiger gegen die ungläubigen "Krieger" agitiert, die "imstande seien", ihre "Geistesgaben zu benutzen, um den Muslimen zu schaden".

Hamburger Lektionen dokumentiert also sehr präzise die konkreten Aussagen, die der Imam im Januar 2000 in Hamburg gemacht hat. Er macht sie öffentlich zugänglich. Einen umfassenden Erklärungsanspruch leitet der Film daraus nicht ab. Das unterscheidet seine Haltung nachdrücklich von jener seines Protagonisten, aber ebenso auch von vielen verkürzenden, mitunter selbstgefälligen oder spekulativen medialen Darstellungen. (Isabella Reicher / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.10.2006)

14. 10., 17.00, Stadtkino
15. 10., 13.00, Urania
  • Übersetzungsarbeit: "Hamburger Lektionen" von Romuald Karmakar.
    foto: viennale

    Übersetzungsarbeit: "Hamburger Lektionen" von Romuald Karmakar.

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