Der Moment vor dem Stillstand

12. Oktober 2006, 19:23
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Mit der Reihe "Nicht mehr fliehen" stellt das Filmarchiv Austria das Werk von Herbert Vesely neu zur Diskussion.

Nicht mehr fliehen" ist von Kurator Hans Scheugl als Vertiefung und Erweiterung zweier anderer Retrospektiven zum Neuen Deutschen Film, "Abschied von Gestern" (1990) und "Nicht versöhnt" (1997), konzipiert. Diesmal liegt der Fokus auf der Frühzeit, den 1950er- und 60er-Jahren, wodurch sich der Name eines Regisseurs ins Blickfeld drängt, der bislang nur marginal und ambivalent diskutiert wurde: Herbert Vesely.

Die Reihe nimmt ihren Ausgang bei An diesen Abenden - Spiel von Sensenmann und Magd (1951/52) und Nicht mehr fliehen (1955) - und versucht die Neubewertung seines umstrittenen zweiten Spielfilms, Das Brot der frühen Jahre (1961/62), den Scheugl, damit ganze Generationen von Filmhistorikern (sich selbst eingeschlossen) korrigierend, "als einen der interessantesten deutschen Filme überhaupt" beschreibt.

Das Brot der frühen Jahre beginnt mit einer Bahnfahrt in Berlin, mit Aufnahmen eines Bahnhofs, dem Telefonat zweier Frauen, dem plötzlichen Verschwinden seines Protagonisten. Walter Fendrich ist Ostflüchtling, Mitte zwanzig, Waschmaschinentechniker. Er hat ein Auto, ein Bankkonto und soll die Tochter des Chefs heiraten. Dann holt er Hedwig, ein Mädchen aus seiner Heimat und also seiner Vergangenheit, an das er sich kaum mehr erinnern kann, vom Bahnhof ab - und alles ist anders.

"Ich wäre in ein falsches Leben eingestiegen, wie man aus Versehen in den falschen Zug steigt", kommentiert er aus dem Off. Walter, vor dem der Weg des Erfolgs ausgebreitet liegt, hält inne. Mit Hedwig dringen Erinnerungen an die Oberfläche, die Stimme seines Vaters, Bilder von der Armut zu Hause, er kauft Blumen, er weiß nicht, soll er lachen oder weinen, er ist verliebt. Und verwirrt.

Diesen Zustand beschreibt Das Brot der frühen Jahre in seinen Bildern, Dialogen und Sounds, in einer genau strukturierten Abfolge von Repetitionen und Perspektivenwechsel. Der Film setzt ein mit einer Zugfahrt, dann erreicht der Zug die Station und bremst; der Rest der Geschichte dreht sich gewissermaßen - die Form des Nouveau Roman vorwegnehmend - um diesen Augenblick zwischen der Bremsung und dem eigentlichen Halten, dem Stillstand.

Vesely erzählt die lineare Geschichte in unregelmäßigen Rhythmen: Dementsprechend kommt der Film nie zur Ruhe und hat scheinbar kein Ziel. Durch das Wiederholen und Durchspielen verschiedener Sequenzen und Szenen, in einem subtilen Spiel mit der Variation der Kontexte, wird eine Stimmung zum Ausdruck gebracht, jenseits von Psychologisierung oder der Bezugnahme auf soziale und politische Realitäten, die der Film voraussetzt, anstatt sie zu thematisieren.

Die zeitgenössische Kritik stand dem Film durchwegs ablehnend gegenüber, was den einen zu manieristisch und überhöht erschien, war den anderen ein fauler Kompromiss. Besonders die Tatsache, dass Vesely, sein Produzent Hansjürgen Pohland, sein Kameramann Wolf Wirth sowie sein Hauptdarsteller Christian Doermer zu den Unterzeichnern des Oberhausener Manifests (Februar 1962) gehörten, das den Tod des "alten" Films proklamierte, erwies sich für die Rezeption von Veselys Adaption einer Erzählung Heinrich Bölls als geradezu fatal: Das Brot der frühen Jahre wurde als erster Neuer Deutscher Film erwartet und enttäuschte.

Selbst die Oberhausener Mitstreiter ließen Vesely fallen. Die Weiterarbeit als Filmregisseur war ihm in der Folge versperrt, er betätigte sich im Fernsehen. Als er ab Mitte der 70er-Jahren wieder Kinofilme drehte, die allerdings als mittelmäßig oder pornografisch eingestuft wurden (etwa Exzess und Bestrafung - Egon Schiele, 1980), war seine Rolle als einer der Pioniere des österreichischen Avantgardefilms nach 1945 und einer der Vorreiter des Neuen Deutschen Films kaum noch mehr als eine peinliche Erinnerung.

"Nicht mehr fliehen" stellt das Werk Veselys nunmehr zur Diskussion - und leistet zugleich seine Neupositionierung als Wegbereiter der Moderne im Deutschen Kino. (Sylvia Szely / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.10.2006)

  • Fahren, Bremsen, Innehalten: "Das Brot der frühen Jahre" beschreibt ein Lebensgefühl zwischen Aufbruch und den Umklammerungen der Vergangenheit.
    foto: viennale

    Fahren, Bremsen, Innehalten: "Das Brot der frühen Jahre" beschreibt ein Lebensgefühl zwischen Aufbruch und den Umklammerungen der Vergangenheit.

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