Der Bube und die Königin

12. Oktober 2006, 19:18
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Stephen Frears "The Queen", der Viennale-Eröffnungsfilm, ist pointiertes Sittenbild der Politik - und heimliche Ode an Elizabeth II.

Die erste offizielle Begegnung zwischen den beiden Protagonisten fällt "rather clumsy", also ein wenig patschert und unbeholfen aus. Der frisch gebackene Premierminister Tony Blair (Michael Sheen) hat seine Audienz bei Queen Elizabeth II (Helen Mirren). Auf den Stiegen des Buckingham Palace wird er noch eilig gebrieft. Das Protokoll sieht einen genau festgelegten Ablauf vor. Weil sie einen beträchtlichen Vorsprung an Dienstjahren hat - und das Zeremoniell entsprechend souverän beherrscht -, muss Labours große Hoffnung daneben wie ein Chorknabe wirken.

Tony Blair und die Queen, zwei amtierende politische Repräsentanten als Handlungsträger eines Spielfilms - das ist ein doch eher ungewöhnliches Unterfangen. Doch handelt es sich nicht um die erste Zusammenarbeit von Regisseur Stephen Frears und Drehbuchautor Peter Morgan: Mit der TV-Serie The Deal haben die beiden bereits 2003 die jüngere politische Gegenwart Großbritanniens thematisiert - und dabei etwa das berüchtigte Treffen zwischen Blair und Gordon Brown in einem Lokal im Londoner Stadtteil Islington dramatisiert, bei dem gerüchteweise die Abfolge innerhalb der Partei und damit auch die nähere Zukunft der Nation ausverhandelt wurden.

Mit The Queen setzen Frears und Morgan ihre Nahaufnahme der Mächtigen auf Zeit nun auf der großen Leinwand fort - was schon insofern als logischer Schritt erscheint, als die Wellen eines Ereignisses im Mittelpunkt stehen, das die britische Bevölkerung wie kaum ein anderes bewegt hat: der Tod von Lady Diana. Blair und die Queen wählen zwei denkbar gegensätzliche, für jeden der beiden aber umso charakteristischere Strategien, darauf zu reagieren. Wo der Premier mit sicherem Instinkt die Tragweite der Situation erkennt und gleich für seine Zwecke zu nutzen weiß, übt sich die Monarchin in alt bewährter Zurückhaltung, die durch ihre ambivalente Haltung gegenüber der Verstorbenen noch zusätzlich gestärkt wird.

Über die individuelle Note hinaus erzählen diese Vorgangsweisen allerdings auch von politischen Ideen und ihrer mehr oder minder vorhandenen Kompatibilität mit den Erfordernissen der Gegenwart. Blairs Populismus - er spricht von der "People's Princess" - ist die adäquate Antwort auf ein Ereignis, das in der Gesellschaft ein ungeahntes Ausmaß von kollektiver Trauer auslöst, wogegen sich die Etikette der Queen mit einem Mal als wirkungslos entpuppt. Ihr Rückzug wird als Respektlosigkeit gedeutet, ihr Schweigen als Affront.

Lady Di's Tod gerät damit zum ersten Kräftemessen zwischen den beiden staatlichen Repräsentanten. The Queen ist aber clever genug konstruiert, es auf keine direkte Konfrontation anzulegen - sie würde auch nicht den Tatsachen entsprechen -, vielmehr treten hier zwei politische Denkrichtungen miteinander in Dialog, was schließlich eine graduelle Annäherung der Beteiligten bewirkt. So wie Blairs Blick auf die Queen zunehmend differenzierter, ja liebevoller wird - "All Labour prime ministers go gaga over the Queen", wird ihm seine Frau Cherie später vorwerfen -, so wird es auch der des Films.

The Queen beginnt noch mit dem bestimmenden Bild einer unnahbaren Königin, die sich ein Selbstporträt malen lässt. Der Film tritt dann aber den Weg hinter die ikonische Maskierung an - und erstellt sein eigenes Porträt eines Wesens aus Fleisch und Blut. Die Queen behält dabei ihren majestätischen Eigensinn, ihre Würde, und sie zeigt Gefühle, nur niemals vor mehr Zeugen als einem Hirschen in freier Natur.

Es ist vor allem Helen Mirrens Verdienst, dass die äußere Anverwandlung der Königin nie zum Selbstzweck verkommt. Die optische (und gestische) Ähnlichkeit ist vielmehr der Ausgangspunkt ihrer Darstellung - erst hinter der Mimesis beginnt die Freiheit der Interpretation. Einerlei, ob privat im Bett neben dem ein wenig vulgär entworfenen Prince Philip (James Cromwell) - mitunter tendiert The Queen zu stark zur Satire - oder scharfzüngig am Staatsparkett: Mirren beherrscht die Kunst, mit minimalen Andeutungen die kunstvoll versteckten Emotionen der Queen zu suggerieren.

Am Tiefpunkt ihrer Popularität sieht Elizabeth II zwar ein, dass das Drängen des Premiers auf ein öffentliches Signal nicht ganz unberechtigt ist. Die Balance zwischen den beiden mag sich, vor allem angesichts des ersten Zusammentreffens, kurzfristig zugunsten Blairs verschoben haben. Aber noch in diesem Moment gibt sie nicht nach, sondern handelt strikt im Sinne der Staatsräson. Wo im Blätterwald schon das Raunen einer Revolution des Volkes zu vernehmen ist, setzt sich letztlich eine Allianz durch, die darauf ausgerichtet ist, das traditionelle Kräfteverhältnis wieder herzustellen.

Die Ausnahme von der Regel wird auch hier nur einmal mehr die Regel bestätigen. Frears und Morgan verlassen die Ebene des Allzu-gut-Möglichen nicht, und sie haben den Vorteil, die Zukunft zu kennen: Als die Queen am Ende nochmals Blair empfängt, gibt sie ihm, um kein Grad aufgewärmter, eine Warnung mit auf den Weg. Die Öffentlichkeit sei unberechenbar. Sie wende sich schnell gegen einen. "And it will, Mr. Blair, quite suddenly and without a warning." (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.10.2006)

13. 10., 19.30 & 23.00:
  • Königlicher Rat: Queen Elizabeth (Helen Mirren) und Tony Blair (Martin Sheen) in "The Queen".
    foto: viennale

    Königlicher Rat: Queen Elizabeth (Helen Mirren) und Tony Blair (Martin Sheen) in "The Queen".

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