Heimweh to Hell: Lordi in der Wiener Arena

12. Oktober 2006, 17:24
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Die finnischen Songcontest-Gewinner zeigten mit herrlichem Kinderfaschings-Heavy-Metal, dass der Tod nicht das Ende sein muss

Wien – Die Uhr auf der Bühne sagt, es sei fünf Minuten vor zwölf. Obwohl das nicht stimmt, weil es zwei Stunden früher ist: Man muss das vom für Außenstehende gar nicht einmal so verdeckten Symbolgehalt her sehr ernst nehmen.

Mit dem Läuten zur Geisterstunde geschieht dann also gar Schreckliches. Im auf die Bühne gebauten Refugium eines Höllenfürsten mit einer Vorliebe für dunkel getäfelten altenglischen Landhausstil bebt der Dielenboden. Die Tür fliegt auf, und zum milden Entsetzen aller großen und kleinen Kinder im Saal staksen vom Herr der Fliegen höchstpersönlich südlich des Himmels herausgepickte Widerlinge in unsere bis soeben heile und nur aus Singen und Tanzen und Lebkuchenherzen bestehende Welt.

Vorschlaghammer

Kein Witz, das geschieht in Wien auch mit der Unterstützung des finnischen Tourismusverbandes. Der legt die Betonung von Fernweh offensichtlich auf die zweite Wortsilbe. Er will mit diesem als Konzert getarnten letzten Gefecht im sogar abseits der Bühne und hier speziell im Nasszellenbereich nur für starke Nerven gedachten Ambiente der Arena anscheinend auch für die purgatorischen Reize seiner Heimat werben.

Immerhin haben die fünf Untoten von Lordi dort oben auf der Bühne heuer den Eurovision-Songcontest gewonnen. Als mehr mit Vorschlaghammer- als Handschlagqualität ausgestattete Botschafter ihrer Heimat ("Masken? Welche Masken?!") machen sie uns sehr schnell klar, dass dort oben dank der Mitternachtssonne nicht nur viel Licht zu finden ist. In die diversen Unterarten des skandinavischen Todes-Metall fällt auch immer sehr viel Schatten. Mehr noch: Umschattung. Latex. Schwerter, Streitäxte, Kajal, Leder, Handbibliotheken voller okkultem und satanischem Zeugs, lastwagenweise Bühnennebel und das Theaterblut nur in der Großhandelspackung. Dazu Gedresche und Gebrüll. In diesem sich und die irdische, überirdische und schwer jenseitige Verdammnis sehr, sehr ernst nehmenden Genre gelten Lordi als hemdsärmelige Lachwurzen. Sie rocken uns Verdammte dieser Erde zwar auch in Grund und Boden. Es geht zum Wurzelgemüse, Baby!

Lordi wollen uns mit Schmutz und Schund und guter Laune aber auch schlicht und einfach auf ihre Seite ziehen. Mit zünftig dumpfem, im mittleren Angriffstempo gehaltenem Geholze aus der Hochzeit des Kinderfasching-Heavy-Metal (Alice Cooper, Kiss, Twisted Sister ...) geht es bei dieser Gaudi um eine frohe Botschaft: Erst wenn man tot ist, lebt's sich völlig ungeniert! Worauf wir einen lassen können. Und Lordi es tun. Das mag bei weniger frohgemuten Menschen dazu führen, das sie sich ein für die Psychoanalyse herrlich geeignetes Cotard-Syndrom zulegen, also mit dem psychotischen Gefühl durchs Leben schwanken, bereits tot zu sein.

Wir aber lassen aus Freude über den Seitenwechsel lieber die Böller krachen. Kann uns ja eh niemand mehr verhaften! Feuerwerke stieben auf. Der Chefbösling bläst mit seinem Riesenpenis mächtige Nebel des Grauens in den Saal. Seine Lebensgefährtin, die Zombiebraut, wird gehängt (wie hängt man übrigens eine Tote tot?!). Und auch ordentlich Wasser vom nordischen Todesfluss Gjöll wird gelassen. Am Ende gefriert die Hölle: "The Devil is a loser!"

Das ist schön, dass hier im Rock 'n' Roll nicht nur immer die da oben von der Kerzerlfraktion etwas abbekommen. Am Ende verdienter kindischer Jubel über diesen jenseitigen Spaß: "Hard Rock Hallelujah!" Niemand hat behauptet, dass Rock 'n' Roll auch für Erwachsene geeignet ist. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.10.2006)

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    Der Begriff Windhose bekommt hier eine völlig neue Bedeutung: Lordi live in Wien.

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