Streit um Geld für Schmerz nach dem Auffahrunfall

17. Oktober 2006, 21:38
25 Postings

Betrügerische Simulanten oder geldgierige Assekurranzen - Diskussion um das Peitschenschlagsyndrom

Geldgierige Simulanten, die die Allgemeinheit betrügen oder geldgierige Assekurranzen, die Kosten auf die Allgemeinheit abwälzen wollen? Zwischen diesen Extremen schwankt die Diskussion um das Peitschenschlagsyndrom.

***

Wien – Dass die Halswirbelsäule bei einer Heckkollision verletzt werden kann, ist keine Entdeckung des Computerzeitalters. Schon im Jahr 1928 berichtete ein Facharzt erstmals von dieser möglichen Unfallfolge, referiert Bertram Geigl am Donnerstag beim Symposium "Autofahrer - Simulant oder Opfer" des ÖAMTC und der "Ärztlichen Kraftfahrvereinigung Österreichs."

Der breiten Öffentlichkeit ist das "Peitschenschlagsyndrom" oder "Schleudertrauma" erst seit den 90er-Jahren ein Begriff: Da nahm die Zahl der Patienten deutlich zu. Patienten, die in ihrem Auto mit niedriger Geschwindigkeit gerammt wurden und erst (bis zu zwei Tagen) später plötzlich Schmerzen bekamen. Das Problem: Pathologische Befunde gibt es in vielen Fällen keine. Was die Versicherungswirtschaft zusehends zahlungsunwilliger macht. Geigl, unter anderem wissenschaftlicher Berater am Institut für Fahrzeugsicherheit der TU Graz, verweist auf EU-geförderte Studien: Fährt einem jemand von hinten ins Auto, ist die Gefahr, an den kaum nachweisbaren Schmerzen zu leiden, doppelt so hoch wie bei einem Frontalcrash. Ebenfalls ein auffälliges Ergebnis: Frauen sind doppelt so häufig betroffen wie Männer – wegen schwächerer Muskulatur, mutmaßen Mediziner.

Die sonst wenig zur Diagnose sagen können: Neben den Angaben der Patienten stehen ihnen kaum Mittel zur Verfügung. Auf Röntgenaufnahmen sind praktisch nie Verletzungen zu erkennen, auch bei Computertomographien der Weichteile gibt es in einer Vielzahl der Fälle keinen auffälligen Befund. Im Endeffekt sei es eine "Ausschlussdiagnose", gesteht Tohmas Öhner, Oberarzt am Lorenz Böhler-Unfallkrankenhaus ein.

31 Millionen jährlich

Nicht wirklich nachweisbare Schäden macht naturgemäß die Versicherungswirtschaft stutzig. Die bei dem Symposium in Person von Roman Sadler von der Generali die hohen Kosten beklagt. Rund 31 Millionen Euro zahlen alle Assekuranzen Österreichs jährlich für Verletzungen der Halswirbelsäule, was zehn Prozent des gesamten Aufwandes für Personenschäden entspricht. Dass darunter auch viele Simulanten seien, glaubt man aus einer kanadischen Untersuchung ableiten zu können: Seit dort eine Bagatellgrenze für Geschwindigkeitsdifferenzen beim Aufprall eingeführt wurden (wenn der Tempounterschied unter dieser Grenze liegt, gelten Schäden für unmöglich) ging die Zahl der Schadensfälle um fast ein Drittel zurück.

Der Generalverdacht gegen Patienten erzürnt sowohl den Rechtsanwalt Markus Frank, selbst Unfallopfer, als auch ÖAMTC-Juristen Martin Hoffer. Ersterer vermutet vielmehr, dass Kosten auf die Allgemeinheit abgewälzt werden sollen: Während in Österreich die Versicherung durchschnittlich 2300 Euro zahlt, sind es in der Schweiz umgerechnet 35.000 Euro. Frank glaubt, dass die Differenz zu Lasten des staatlichen Gesundheitssystems geht. Auch die in Österreich angewandten Bagatellgrenzen seien zu ungenau und nähmen auf den Einzelfall keine Rücksicht. Zumindest in einem Punkt gibt Techniker Geigl ihnen Recht: Bei Tests habe sich herausgestellt, dass die verwendeten Dummys bei einem leichten Heckaufprall nicht dem selben Bewegungsablauf wie Menschen folgen und so falsche Daten liefern. (Michael Möseneder, DER STANDARD - Printausgabe, 13. Oktober 2006)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Dummys machen manchmal Probleme bei der Datenerfassung.

Share if you care.