Viel Applaus in Stockholm

13. Oktober 2006, 13:30
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Politische Dimension deklariert - Jubel in der Alten Börse ungewöhnlich laut und einhellig

Stockholm - Auf die politische Dimension ihrer Entscheidung zum Literaturnobelpreis hat die Schwedische Akademie am Donnerstag selbst hingewiesen: Der 54-Jährige Orhan Pamuk sei in seiner Heimat Türkei auch als "Gesellschaftskritiker" aktiv, hieß es in der Preisbegründung. Es folgte der Hinweis auf Pamuks öffentliche Stellungnahme gegen die Fatwa gegen seinen Kollegen Salman Rushdie. Und Pamuk habe ja auch die Ermordung von 30 000 Kurden und einer Million Armenier in der Türkei öffentlich erwähnt, was ihm die Androhung eines Strafverfahrens einbrachte.

Der Jubel in der Alten Stockholmer Börse fiel ungewöhnlich laut und einhellig aus, als Akademiesekretär Horace Engdahl den Namen ausrief. Der in Istanbul lebende Pamuk, im letzten Jahr auch mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt, sehe sich selbst "in erster Linie als belletristischer Schriftsteller", hieß es dann in der Begründung.

Wieder mal der "große Roman"

Endlich mal wieder ein Nobelpreisträger, der den "großen Roman" schreiben kann - auch das schien der Jubel der Zuhörer auszudrücken. Die Vergaben der letzten beiden Jahre an den englischen Dramatiker Harold Pinter (76) und die Österreicherin Elfriede Jelinek (59), die sich selbst als "gute Regionalschriftstellerin" überbewertet fand, hatten literarisch doch eher ein verhaltenes Echo ausgelöst.

Beide Male hatte die Akademie ebenso wie jetzt bei Pamuk auf das gesellschaftspolitische Engagement der Preisträger abgehoben. Jelinek sei eine "unerschrockene Gesellschaftskritikerin", hieß es vor zwei Jahren. Und der schwer kranke Pinter lieferte im letzten Dezember als Nobel-Vortrag aus einem Londoner BBC-Studio flammende Anklagen gegen die Politik des Westens für die Stockholmer Feiern ab.

Wenn Pamuk im Dezember den ersten Preis für einen türkischen Autor in Empfang nimmt, dürfte das Interesse an seiner Stellung zum politischen Verhältnis der Türkei zwischen westlicher und islamischer Kultur mindestens ebenso stark sein wie das an seinen literarischen Ansichten.

Wettbüros hatten beste Riecher

Der für seine Geheimdienstmethoden bei der Abschottung der Akademie bekannte Engdahl wird sich wohl ein bisschen mit den Wettbüros befassen müssen. Denn die immer aktiveren Nobelpreis-Zocker hatten diesmal sehr sicher und viel besser getippt als die meisten Literaturexperten. Wochenlang schon stand der türkische Romancier auf allen Wettlisten für den diesjährigen Literaturnobelpreis souverän auf dem ersten Platz. Die professionellen "Rater" meinten dagegen überwiegend, der 54-Jährige sei aus Sicht der Juroren noch zu jung. Tatsächlich lagen etwa beim letzten deutschen Preisträger Günter Grass zwischen dessen Hauptwerk und der Nobelvergabe mehr als 30 Jahre.

Aber beim wichtigsten Preis der Bücherwelt scheinen keine vorhersehbaren Regeln mehr zu gelten. Zwei Minuten vor der Bekanntgabe rechnete der Schwedische Rundfunk noch seinen Hörern vor: In den letzten zehn Jahren habe es unter zehn Preisträgern acht Männer aus Europa und nur einen Lyriker gegeben. Also werde es diesmal totsicher eine Gedichtautorin aus Übersee. Wenige Augenblicke später präsentierte Engdahl dann mit Pamuk einen männlichen europäischen Romancier. (APA/dpa)

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