Der andere Plattenladen

17. Oktober 2006, 20:32
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N. war eine Autorität. Eine Respektsperson. Gott. Drum hieß er ja auch "Herr N"

Es war gestern. Gleich mehrfach und in meiner Mailbox. Und im Grunde erwartbar. Schließlich muss wer A. sagt, auch B. tippen – und im Fall der Wiener Plattenlädenherzausreissernostalgieattacke, die zuletzt (siehe Stadtgeschichte "Wiedersehen") hier zu lesen war, bedeutet das, dass auf S. N. folgen muss. Oder müsste. Schließlich war N., Herr N., wie er landauf und landab ehrerbietig genannt wurde, in seinem Laden, dem mit den schwarzen Sackerln, das, was S. im Land der grünen Sackerln noch ist: Eine Respektsperson. Eine Instanz. Gott..

Bloß: Ich kann nicht helfen. Meine Antwort auf die mehrfach gestellte Frage lautet schlicht: Ich weiß es nicht. Ich habe keine Ahnung, was aus N. geworden ist. In den letzten – ich schätze einmal - zwei Jahren ist er mir nicht mehr über den Weg gelaufen.

Härter, erdiger

Herr N. war der Mann, der den anderen Plattenladen schmiss. Und sein Shop wirkte immer ein weniger erdiger, härter und direkter als der von N. Bei N. einzukaufen war – zumindest für mich – immer ein bisserl eine Mutprobe. Ein bisserl so, wie das Einkaufen in coolen 80-er Jahre-Boutiquen: Man musste vor den Augen des Meisters und seiner Gesellen erst einmal bestanden haben, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Dass das für Novizen ein Henne-Ei-Problem war? Nun, die hinter dem Tresen gingen davon aus, dass das nicht ihre Sorge war. Punkt.

Aber in Szeneläden ist es wie in der Liebe: Wer schlecht behandelt wird, der kommt oft erst recht gekrochen. Wieder und wieder. Und weil Herr N. außerdem ein ganz ausgezeichnetes Sortiment und ein enormes Fachwissen hatte (was freilich nicht jedem zur Verfügung gestellt wurde), war der Laden meistens so voll, wie das U4 damals an Mittwochabenden, wenn G. dort (in der Zeit, als Nirvana noch ein Geheimtipp waren) schwere, dumpfe Kost verlegte: Was G. spielte, hatte lange Zeit nur N. Oder niemand.

Übersiedlung

Ich gehörte zu jenen Menschen, die N. nicht cool genug waren. Jedenfalls kam es mir lange Zeit so vor. Und dann, als ich plötzlich sogar einen Namen hatte, mit dem man mich ansprechen konnte, veränderte sich die Geschäftsstruktur: Es gab ein zweites Outlet – und dann übersiedelte der Premium-Laden. Ganz nahe an die Mariahilfer Straße.

Dass das ein Fehler war, erkannte N. zu spät: Er saß fast in Spuckweite des (mittlerweile auch geschlossenen) Megastores. Auch Elektroketten hatten plötzlich Musik. Die Grenze zwischen Mainstream und Underground zerbröselte. Und in N.s Reich hatten fast ausschließlich Gitarren und Rawumms-Beats regiert – aber sogar G. hatte sich vom Saulus zum Paulus gewandelt, und spielte nur noch Hiphop & Dancefloor: Bald war der Shop kein Plattenladen mehr. N. verschwand. Zumindest aus meinem Gesichtsfeld. Das ist mittlerweile etliche Jahre her.

Wiedersehen

Einmal habe ich Herrn N. dann noch gesehen. Fürchte ich. Es war etwa vor zwei Jahren im Vorweihnachtstrubel. Ich kaufte bei M., dem Parfumerie- und Spielzeuggroßkaufhaus auf der Mariahilfer Straße Geschenkpapier. Irgendwer hatte einen Christbaum umgestoßen und die Hälfte der blinkenden Lichter war kaputt. Am Boden lagen Scherben. N. stand inmitten des Einkaufstrubels auf einer Leiter und wechselte die Blinkbirnen aus. An der Leiter lehnten Besen und Schaufel. Ob das nicht ein bisserl schneller gehe, keppelte eine Verkäuferin zu N.s Füßen – und N. nickte kleinlaut. Früher hätte er ein Mädchen mit so einer Frisur und so einem Make Up nicht einmal ignoriert.

Ich grüßte den Mann auf Leiter. Er tat, als wäre er nicht da. Vielleicht habe ich mich damals ja wirklich geirrt. Hoffentlich.

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