Tumore täuschen

23. Oktober 2006, 14:06
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Wiener Wissenschaftlern ist es gelungen, mittels "Einstülpungsvorgangs" antitumorale Substanzen in Krebszellen einzuschleusen

Wien - Einem Wissenschaftsteam des Instituts für Anorganische Chemie an der Universität Wien unter der Leitung von Bernhard Keppler ist es gelungen, durch das Eisentransportprotein Transferrin getarnte Wirkstoffe in Krebszellen durch einen "Einstülpungsvorgang" einzuschleusen. Damit soll es möglich werden, statt Eisen, das Krebstumore zum Wachsen benötigen, antitumoral wirkende Substanzen in die Zelle einzuflößen, worauf die Krebszellen absterben. Darin liegt das Potenzial einer zukünftig wirksamen Krebstherapie, die bereits erfolgreich an betroffenen Patienten getestet werden konnte. Betrieben wird das Krebsforschungsprojekt mit Wissenschaftlern des Instituts für Krebsforschung und der klinischen Abteilung für Onkologie der Medizinischen Universität Wien. Finanziell unterstützt wird das Projekt von der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft mit drei Millionen Euro.

Zumindest Stabilisierung erreicht

Keppler, selbst erfahrener und langjähriger Experte auf dem Gebiet der Krebsbekämpfung, entwickelte mit seinem Team über die letzten 20 Jahre über 100 verschiedene synthetische Verbindungen jährlich und überprüfte diese aufgrund von Arbeitshypothesen auf ihre Wirksamkeit. Dabei beschreibt er "die Entwicklung von neuen Krebs hemmenden Substanzen als die sprichwörtliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen". Derzeit befinden sich zwei seiner Entwicklungen in der Phase I ("proof of principle") der klinischen Studien, folglich in der direkten Erprobungsphase am krebskranken Menschen. Keppler weist darauf hin, dass in der klinischen Erprobungsphase bei acht Patienten mit einer fortgeschrittenen Tumorerkrankung durch den Einsatz von Transferrin zumindest eine Stabilisierung erreicht werden konnte.

Zielorientierter Einsatz, um gesundes Gewebe zu schonen

In Kooperation mit der beteiligten Firma Faustus AG Wien sei die Verträglichkeit der Behandlungstherapie sehr gut, wobei Keppler einzig mit einer Verminderung der roten Blutkörperchen rechnet. Laut Keppler sind die geringen Nebenwirkungen nur durch den "zielorientierten Einsatz der Wirkstoffe an der kranken Zelle möglich, während gesundes Gewebe unversehrt bleibt". Als Ergebnis konnte bei einigen Patienten eine wesentliche Stabilisierung des Tumorwachstums und eines damit verbundenen Krankheitsverlaufs realisiert werden. Für den Experten liegt "in der Lernfähigkeit der Tumorzellen, der Resistenz also, das Hauptproblem. Die Krebszellen lernen einfach, sich gegenüber den angewandten Wirkstoffen effizient zur Wehr zu setzen".

Problem der allmählichen Resistenz

Als Beispiel kann hierbei die Behandlung von Nierenzellkarzinomen angeführt werden. Der angewendete Wirkstoff wandelt, stark vereinfacht ausgedrückt, RNA in DNA um, so dass die Erbinformationen des Tumors gezielt verändert werden können. Neben diesen Behandlungskonzepten steht vor allem das Problem der allmählichen Resistenz von Tumorzellen im Vordergrund. Durch den entwickelten Wirkstoff soll es ermöglicht werden, dass Tumorzellen, die während des Krankheitsverlaufs bereits resistent geworden sind, einer erneuten Sensibilität zuzuführen. Da vieles derzeit jedoch noch nicht genauer bekannt ist, bleibt dieser Ansatz zumindest für die Zukunft eine lohnenswert weiter zu entwickelnde Maßnahme in der Behandlung gegen Krebserkrankungen. (pte)

  • Eine Krebszelle "lernt", Substanzen zu widerstehen, worin das Hauptproblem bei Krebstherapien liegt: Wiener Wissenschafter wollen nun mittels neuen Ansatzes den Wirkstoff getarnt zuführen können.
    foto: dkfz-heidelberg

    Eine Krebszelle "lernt", Substanzen zu widerstehen, worin das Hauptproblem bei Krebstherapien liegt: Wiener Wissenschafter wollen nun mittels neuen Ansatzes den Wirkstoff getarnt zuführen können.

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