Vertreter von Untergrundkirche nach Vatikanbesuch verhaftet

24. Oktober 2006, 11:35
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Staatsanwaltschaft: Seit zwei Monaten inhaftierter Menschenrechtsanwalt wegen Staatsgefährdung festgenommen

Peking - Zwei Mitglieder der chinesischen Untergrundkirche sind bei ihrer Rückkehr von einem Vatikanbesuch verhaftet worden. Das teilte eine in Hongkong ansässige Menschenrechtsgruppe am Donnerstag mit. Es handele sich um einen führenden Vertreter der Untergrundkirche der südostchinesischen Stadt Wenzhou, Shao Zhumin, und einem weiteren Kirchenmann, berichtete das Informationszentrum für Menschenrechte und Demokratie. Die beiden seien bereits Ende September im Hafen von Shenzen bei Hongkong festgenommen worden.

Den Gläubigen werde vorgeworfen, mit illegalen Dokumenten ausgereist zu sein. Behördenangaben zufolge müssen sie mit einer etwa einjährigen Haftstrafe rechnen. Shao Zhumin war bereits vier Jahre im Gefängnis gesessen, weil er illegal Bibeln gedruckt hatte. Mitgliedern der katholischen Untergrundkirche werden in der Regel keine Reisepässe bewilligt, um zu verhindern, dass sie Kontakt mit dem Vatikan aufnehmen. China hat offiziell rund 16 Millionen Christen. Nach Angaben kirchlicher Kreise sind es aber in Wirklichkeit 40 Millionen.

In der Volksrepublik China ist nur die 1957 auf Druck des kommunistischen Regimes gegründete "Chinesische Katholische Patriotische Vereinigung" zugelassen, die offiziell keine Kontakte zum Vatikan unterhalten darf und ihre Bischöfe unter staatlicher Aufsicht eigenmächtig einsetzt. Der "patriotische" Klerus war von Papst Pius XII. exkommuniziert worden. Die papsttreue Untergrundkirche gilt als "subversive Organisation" und wird verfolgt; mehrere Bischöfe und zahlreiche Priester befinden sich in Arbeitslagern. Sie werden von den Behörden als "vom Ausland gesteuerte feindliche Elemente" eingestuft. Nach der kommunistischen Machtübernahme hatte sich der Apostolische Nuntius mit der nationalchinesischen Regierung auf die Insel Taiwan begeben. Der Vatikan ist heute der letzte Staat in Europa mit diplomatischen Beziehungen zu Taiwan ("Republik China").

Staatsgefährdung

Indessen wurde bekannt, dass der seit zwei Monaten in China inhaftierte Menschenrechtsanwalt Gao Zhisheng wegen des Vorwurfs der Staatsgefährdung verhaftet worden ist. Er habe erst jetzt von der Staatsanwaltschaft die Begründung für die Verhaftung seines Mandanten erfahren, sagte sein Anwalt Mo Shaoping am Donnerstag. Detaillierte Vorwürfe hätten ihm die Behörden nicht genannt. Seine Nachfragen bei dem für derartige Fälle zuständigen Büro für öffentliche Sicherheit seien zunächst ohne Erfolg gewesen.

Nach chinesischem Recht steht auf das Delikt der Staatsgefährdung eine bis zu fünfjährige Haftstrafe. In schweren Fällen kann die Strafe sogar noch härter ausfallen. Gao war bereits im August von der Pekinger Polizei festgenommen worden. Seinem Anwalt zufolge, der seinen Klienten bisher nicht besuchen durfte, erging der Haftbefehl gegen Gao am 21. September. Der bekannte Menschenrechts-Anwalt vertrat enteignete Öl-Investoren, Aktivisten und Mitglieder der verbotenen spirituellen Sekte Falun Gong.

(APA/Reuters)

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