Die Erneuerung Europas aus dem Geist der Literatur

12. Oktober 2006, 13:33
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Auszüge aus Orhan Pamuks Dankesrede beim Empfang des Friedenspreises des deutschen Buchhandels im Oktober 2005

Über den Roman als Fundament einer friedensstiftenden Verbindung zwischen Europa und der Türkei: Auszüge aus der Dankesrede des türkischen Autors Orhan Pamuk, dem im Oktober 2005 der Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen wurde.


Die einem Schriftsteller angemessene Art von Politik ist nicht, wie vielfach angenommen, das Engagement für eine bestimmte politische Sache oder die Mitarbeit in einer Partei oder einer irgend gearteten Gruppierung. Sie entspringt vielmehr seiner Vorstellungskraft, seinem Vermögen, sich in andere hineinzuversetzen. Diese Kraft befähigt ihn nicht nur dazu, bisher nicht in Worte gefasste Wahrheiten zutage zu fördern, sondern macht ihn auch zum Fürsprecher all derer, die sich kein Gehör verschaffen können und deren Wut nicht vernommen wird, sowie zum Sachwalter des unterdrückten, nie artikulierten Wortes. Es werden uns dadurch Geheimnisse zuteil, die wir nur aus Romanen erfahren können und nicht durch Zeitungslesen oder Fernsehen. Dieses ganz besondere, unvergleichliche Wissen über die Geschichte und das Leben von Menschen und Völkern, das uns beunruhigen und erschüttern, durch seine Tiefgründigkeit verunsichern oder aber durch seine Schlichtheit verblüffen kann, beziehen wir nur aus der aufmerksamen, geduldigen Lektüre großer Romane.

Wenn Journalisten das äußerst beliebte Ost-West-Thema anschneiden, fällt mir meist ein, was in Teilen der westlichen Presse unter diesem Begriff heute verstanden wird, und dann würde ich über die Ost-West-Problematik am liebsten gar nichts sagen. Oft wird unter dem Ost-West-Problem nichts anderes aufgefasst als die Tatsache, dass die armen Länder im Osten sich nicht allen Anforderungen des Westens und der USA beugen wollen.

Dieser Standpunkt verrät, dass die Kultur, das Leben und die Politik jener Gefilde, aus denen auch ich stamme, nur als lästiges Problem angesehen werden, und von Schriftstellern wie mir wird sogar eine Lösung für dieses Problem erwartet. Dazu muss gesagt werden, dass der herablassende Stil, in dem dergleichen formuliert wird, Teil des Problems an sich ist. Aber natürlich gibt es tatsächlich ein Ost-West-Problem, das sich nicht auf ein vom böswilligen Westen ausgelöstes Stilproblem reduzieren lässt. Eigentlich ist es mehr ein Problem der Kluft zwischen Arm und Reich, und es ist ein Problem, das mit dem Frieden zu tun hat.

Der osmanische Staat hatte im 19. Jahrhundert im Westen zunehmend mit Problemen zu kämpfen und musste unablässig militärische Niederlagen einstecken. Als das Osmanische Reich zerfiel, unternahmen die Jungtürken, die neuen Führungsschichten und sogar die letzten Osmanensultane unter dem Einfluss der verführerischen westlichen Überlegenheit eine ganze Reihe von Reformen. Der gleiche Grundgedanke, nämlich dem Westen nachzueifern, steckte hinter den Reformen, die schließlich nach Gründung der türkischen Republik von Kemal Atatürk initiiert wurden. Es dominierte die Vorstellung, dass die Schuld an der Armut und Schwäche des Landes bei den Traditionen, den damaligen religiösen Organisationsformen und überhaupt der ganzen alten Kultur zu suchen sei. Auch mir, der ich einer westlich orientierten Istanbuler Mittelschichtfamilie entstamme, passiert es immer wieder, dass ich diesem gut gemeinten, aber zu naiven und unzureichenden Erklärungsmuster verfalle. Wer dem optimistischen Europäisierungsgedanken anhängt, will seine Kultur und sein Land verändern und bereichern, indem er den Westen imitiert.

Die osmanisch-türkische Europäisierungsbewegung wollte und will ihr Land wohlhabender, zufriedener und stärker machen und beinhaltet somit auch eine Komponente, die man als patriotisch oder nationalistisch bezeichnen könnte. Europäisierung bedeutet aber naturgemäß auch, dass man sich mit gewissen Eigenheiten seines Landes und seiner Kultur kritisch auseinander setzt, ja dass man diese falsch und wertlos findet - wenn man es auch nicht so drastisch formulieren würde wie jemand aus dem Westen. Wie ich aus der Reaktion auf meine Romane sowie aus meinen persönlichen Erfahrungen weiß, lösen solche Bemerkungen ein tiefes und vielschichtiges Gefühl aus, nämlich ein Gefühl der "Scham".

Die Probleme zwischen dem Osten und dem Westen, oder, wie ich es lieber bezeichne, zwischen der Tradition und der Moderne, zwischen meinem Land und Europa, haben immer auch mit einem nie ganz zu tilgenden Schamgefühl zu tun. Ich versuche, dieses Gefühl stets im Zusammenhang mit seinem Gegenbegriff zu sehen, nämlich dem "Stolz". Wo jemand allzu stolz und selbstgewiss auftritt, steht bekanntlich oft ein "Anderer" im Schatten von Scham und Erniedrigung. Und wer sich erniedrigt vorkommt, bei dem macht sich gerne stolzer Nationalismus bemerkbar.

Diese Art von Scham, Stolz, Erniedrigung und Wut ist das Material, aus dem ich meine Romane forme. Da ich aus einem Land komme, das Einlass nach Europa begehrt, weiß ich nur allzu gut, wie leicht solche heiklen Gefühle sich gefährlich steigern können. So möchte ich von dieser Scham in dem Flüsterton sprechen, den ich aus den Romanen Dostojewskis zu vernehmen glaube, so als täte ich ein Geheimnis kund. Die Romankunst hat mich nämlich gelehrt, dass es eine befreiende Wirkung hat, verborgene Schamgefühle mit anderen zu teilen.

Doch wo diese Freiheit sich zu entfalten beginnt, da spüre ich auch schon die moralischen Bedenken, die es mit sich bringt, wenn man andere vertritt und an ihrer Stelle spricht. aus dem Geist der Literatur

Das erwähnte heikle Gefühl, der nationalistische Stolz oder die patriotische Empfindlichkeit werden vom Vorstellungsvermögen des Schriftstellers, von dem Spiegel, den er ihnen vorhält, verunsichert. Jene Wirklichkeit, die uns nur stumm beschämt, solange sie geheim bleibt, wird durch die Imagination des Schriftstellers ihrer Geheimnishaftigkeit beraubt und damit zu einer neuen Welt, mit der man sich auseinander zu setzen hat. Wenn der Schriftsteller mit den die Welt bestimmenden Regeln und der verborgenen Geometrie des Lebens hantiert und spielt wie ein Kind und dabei mehr seiner Ahnung folgt als einer Gewissheit, hebt in Familien, Sippen, Gruppierungen und Gemeinschaften aller Art ein Rumoren an. Es ist ein glückliches Rumoren . . .

Ich bin in einem Haus aufgewachsen, in dem viele Romane gelesen wurden. Mein Vater hatte eine umfangreiche Bibliothek und erzählte von den großen Schriftstellern wie Thomas Mann, Kafka, Dostojewski oder Tolstoi so, wie andere Väter zu Hause vielleicht von Generälen oder von Heiligen sprachen. Schon als Kind waren für mich all diese Romane und Autoren eins mit dem Begriff Europa. Und das nicht nur, weil ich einer Istanbuler Familie entstamme, die aus tiefstem Herzen an die Europäisierung der Türkei glaubte und deshalb sich selbst und ihr Land auf allzu naive Weise schon als europäisch ansah oder zumindest ansehen wollte, sondern auch, weil der Roman eine der bedeutendsten Kunstformen ist, die Europa je hervorgebracht hat. Zusammen mit der Orchestermusik und der Renaissancekunst gehört der Roman meiner Auffassung nach zum Fundament europäischer Wesensart und Identität. Ein Europa ohne den Roman kann ich mir nicht vorstellen.

Nun ist aber Europa für einen Türken ein sehr heikles, zweischneidiges Thema. Das hoffnungsfrohe Warten des Mannes, der an eine Tür klopft und um Einlass bittet, die Neugier und zugleich die Angst, abgewiesen zu werden und die Wut darüber: All das geht mir wie den meisten Türken nie aus dem Sinn, und von da ist es nur noch ein kleiner Schritt bis zur Scham. Jetzt, wo der seit dem ersten Aufnahmeantrag andauernde Prozess des Wartens und Hoffens und der uneingelösten Versprechen so weit gediehen ist, dass ein Beitritt der Türkei zur Europäischen Union tatsächlich einmal wahr werden könnte, wird leider in Europa von gewissen gesellschaftlichen und politischen Kreisen immer mehr gegen die Türkei Stimmung gemacht.

Die Art und Weise, in der bei der letzten Bundestagswahl von manchen Politikern auf Kosten der Türkei und der Türken Wahlkampf betrieben wurde, finde ich nicht weniger gefährlich als das Gebaren mancher türkischen Politiker, die gegenüber dem Westen und Europa gerne auf Konfrontationskurs gehen. Es ist das eine, den türkischen Staat wegen seiner Demokratiedefizite oder seiner wirtschaftlichen Lage zu kritisieren, und es ist etwas anderes, die ganze türkische Kultur oder die türkischstämmigen Menschen herabzuwürdigen, die in Deutschland unter weit schwierigeren Bedingungen leben als die Deutschen selbst.

Die Türken wiederum reagieren auf diese Verunglimpfungen mit der Empfindlichkeit des Abgewiesenen. In Europa eine Türkenfeindlichkeit zu schüren führt leider dazu, dass sich in der Türkei ein europafeindlicher, dumpfer Nationalismus entwickelt. Wer an die Europäische Union glaubt, sollte einsehen, dass es hier um die Alternative zwischen Frieden und Nationalismus geht. Hier liegt die Entscheidung, die wir treffen müssen: Frieden oder Nationalismus.

Ich für mein Teil bin überzeugt, dass der Friedensgedanke das Herzstück der Europäischen Union ist und dass das Friedensangebot, das die heutige Türkei Europa macht, nicht ausgeschlagen werden darf. Zur Wahl stehen auf der einen Seite schriftstellerische Fantasie und auf der anderen Seite bücherverbrennender Nationalismus.

Da ich mich in den vergangenen Jahren immer wieder für eine Aufnahme der Türkei in die Europäische Union ausgesprochen habe, sind mir zahlreiche von Skepsis und Ablehnung geprägte Fragen gestellt worden, auf die ich hier eine Antwort geben möchte. Was die Türkei und die Türken Europa zu bieten haben, das ist in erster Linie Frieden, das ist der Wunsch eines muslimischen Landes, an Europa teilzuhaben, und das sind die Sicherheit und das Stärkepotenzial, die Europa und Deutschland gewinnen würden, sollte diesem friedlichen Anliegen der Türkei entsprochen werden.

IIn all den Romanen, die ich in meiner Jugend las, wurde Europa nicht über das Christentum definiert, sondern vielmehr über den Individualismus. Europa wurde mir auf attraktive Weise durch Romanhelden vermittelt, die um ihre Freiheit kämpfen und sich verwirklichen wollen. Europa verdient Anerkennung dafür, dass es auch außerhalb des Westens die Werte Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gefördert hat. Wenn Europa aber vom Geist der Aufklärung, der Gleichheit und der Demokratie beseelt ist, dann muss die Türkei in diesem friedliebenden Europa ihren Platz haben. Genau wie ein Europa, das sich nur auf das Christentum stützte, wäre eine Türkei, die ihre Kraft nur aus der Religion bezöge, eine realitätsfremde, nicht der Zukunft, sondern der Vergangenheit zugewandte Festung.

Nun lässt sich unschwer vorstellen, dass jemand an die Europäische Union glaubt, der so wie ich in Istanbul in einer westlich orientierten, laizistischen Familie aufgewachsen ist. Schließlich spielt mein Lieblingsverein Fenerbahçe schon seit meiner Kindheit im Europapokal. Millionen von Türken sind wie ich aus tiefstem Herzen davon überzeugt, dass die Türkei ihren Platz in Europa hat. Viel wichtiger aber ist, dass heute auch die große Mehrheit der konservativen religiösen Türken und deren politische Vertreter die Türkei in der Europäischen Union sehen und gemeinsam mit Ihnen an der Zukunft Europas mitwirken möchten.

Es dürfte schwer sein, nach jahrhundertelangen Kämpfen und Kriegen diese freundschaftlich ausgestreckte Hand zurückzuweisen, ohne es später einmal bereuen zu müssen. So wie ich mir keine Türkei vorstellen kann, die nicht von Europa träumt, so glaube ich auch nicht an ein Europa, das sich ohne die Türkei definiert. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.10.2005)

Übersetzung: Gerhard Meier
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