"Tanz im Exil"

30. Juni 2000, 11:14

Das Erbe verfemter KünstlerInnen im Akademietheater

Wien - Österreichs verdrängte und vergessene Tanzgeschichte ruft eine Produktion ins Gedächtnis, die am Samstag und Sonntag (1. und 2. Juli) im Wiener Akademietheater zu sehen ist. "Tanz im Exil", ein Sonderprojekt des Tanzfestivals tanz2000.at im Rahmen des Festivals "Jüdische Kultur in Wien", präsentiert Choreografien von im Nationalsozialismus verfemten KünstlerInnen. Auf dem Programm stehen Arbeiten von Hanna Berger, Gertrud Bodenwieser, Andrei Jerschik und Pola Nirenska,

Die Produktion ist der bisherige Höhepunkt einer Reihe, die die Tanzjournalistin Andrea Amort bereits seit 1998 in unregelmäßigen Abständen veranstaltet, um ein wesentliches Kapitel heimischer Kulturgeschichte aufzuarbeiten. Der Nationalsozialismus bedeutete eine nicht wieder zu kittende Zäsur in der Entwicklung des zeitgenössischen Tanzes in Österreich. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs war Wien eines der Zentren des "Freien Tanzes". Die revolutionären Bewegungslehren von Francois Delsarte, Rudolf von Laban und Emile-Jacques Dalcroze hatten hier früh Fuß gefasst, seit 1920 gab es außerdem eine staatliche Ausbildung für zeitgenössischen Tanz in Wien.

"Deutscher Tanz"

Dabei war die Beziehung der Nazis zu dieser neuen Kunstform zunächst widersprüchlich. Bis 1937 wurde der Ausdruckstanz, der später "Deutscher Tanz" oder "Neuer Deutscher Tanz" hieß, von den Nazis großzügig unterstützt, auch wenn in Hitlerdeutschland ein Grundsatzpapier bereits 1933 etwa Tanz ohne Musik verbot und statt Solo-Tanz den Tanz in der Gruppe forderte, der sich auf die "Bewegungssprache des Volkes" beziehen sollte. Gewisse Aspekte des Ausdruckstanzes standen aber durchaus der nationalsozialistischen Ästhetik nahe, und einzelne KünstlerInnen ließen sich ideologisch vereinnahmen.

Kritisch

Andererseits war ein großer Teil der ChoreografInnenen und TänzerInnen jüdisch, kommunistisch, homosexuell oder einfach zu kritisch, wie der damalige Volksopern-Ballettmeister Jerschik. Er überlebte den Krieg ebenso wie die Jüdin Bodenwieser, der die Flucht nach Australien gelang, wie Berger, die als Kommunistin und Mitglied einer Untergrundbewegung in das KZ Oranienburg verschleppt wurde, und wie Nirenska, eine polnische Stipendiatin der Schule Hellerau-Laxenburg unter Rosalia Chladek und 1934 Gewinnerin des Internationalen Tanzwettbewerbs in Wien.

"Mensch im Wahn"

Bei "Tanz im Exil" sind daher keine rekonstruierten, sondern "übergebene" Choreografien zu sehen. So hat Jerschik sein Solo "Mensch im Wahn" 1995 dem Tänzer Harmen Tromp übertragen, Berger hat ihr Solo "Die Unbekannte aus der Seine" ihrer Schülerin Ottilie Mitterhuber und diese wiederum Esther Koller übereignet.

Neben Koller und Tromp tanzen Esther Balfe sowie TänzerInnen des Linzer Brucknerkonservatoriums unter Esther Linley und des Wiener Volksopernballetts unter Liz King. Erstmals in Wien ist das Schlesische Tanztheater (Slaski Teatr Tanca) aus Polen unter Jacek Luminski.

"Tanz im Exil", Akademietheater, 1. Juli 20.00 und 2. Juli 11.00 Uhr, Karten unter Tel. 01/589 22 11

(APA)

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