Baby Dolls für schöne Damen

17. Oktober 2006, 11:38
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Minikurz, weit schwingend und die Taillennaht nach oben gelegt: So wird das Kleid zum Herzstück im kommenden Frühjahr

Böse Zungen behaupten, dass der Auftritt von Suzy Menkes als trippelnde, immer lächelnde Geisha das Beste in der gesamten Pariser Kollektionswoche gewesen sei. Bei einem rauschenden Fests anlässlich von Jean-Paul Gaultiers 30-jährigem Berufsjubiläum machte die gefürchtete Modekritikerin des International Herald Tribune im legendären Pariser Musiktheater "Olympia" den Anfang in einer pompösen Zauberschau. Damit gingen nach New York, London und Mailand die Pret-a-Porter-Schauen von Paris - traditionell die wichtigsten im Reigen der Catwalks - zu Ende. Kritikern zum Trotz waren hier nicht wenige starke Kollektionen zu sehen.

Es steht nämlich ein Modewechsel ins Haus. Diesmal ändern sich nicht nur die Stoffe oder die Farben, sondern auch die Silhouetten, was die Sache nicht leichter macht. Das Kleid wird zum Herzstück der Saison, minikurz und weit schwingend unterhalb der nach oben gelegten Taillennaht, so wie es 1957 als Nachthemd zum ersten Mal an Carrol Baker auf der Kinoleinwand erschien.

Es hieß wie der Film Baby Doll und wurde von Cristòbal Balenciaga, dem legendären Couturier, sofort für die Mode adaptiert. Es ist derzeit im Pariser Modemuseum zu bewundern und taucht in Variationen in allen Pariser Kollektionen für Frühjahr / Sommer 2007 auf. Valentino zeigt es fein plissiert und in Mohnrot unter kurzen Mänteln in A-Linie, Sophia Kokosalaki drapiert das Oberteil und lässt den Saum zipfeln, Christian Lacroix koloriert es smaragdgrün und schmückt es mit Wellenrüschen.

Die schönsten Farbkombinationen um Bernstein, Rost, Rehbraun und Malachit sieht man aber beim Kultlabel Chloé, wo Yvan Mispelaere, der neue Designer nach Phoebe Philo, Bolerojacken dem Baby-Doll überzieht. Er zeigt es als Trägerkleidchen mit braven Blusen für Frauen, die das Vorschulalter längst hinter sich gelassen haben.

Ballonärmel und Mini

Die Alternative dazu sind ovale Kokonsilhouetten, wie sie am perfektesten mit raffinierten Bogenschnitten Ricardo Tisci für Givenchy zeigt. Auch hier wird die Taille auf Empirehöhe verlegt, die Weite zum Saum hin jedoch eingehalten. Für Yves Saint Laurent variiert dies Stefano Pilati mit kurzen Tulpenröcken, lässigen Kürbisshorts und knöchellangen Pluderhosen, die er mit Gürteljacken zum Anzug hochstilisiert.

Eine anderer Möglichkeit, Volumen ins Spiel zu bringen, geschieht mit Hilfe von Ärmeln. Beim spanischen Traditionshaus Loewe bläht sie José Enrique Oña Selfa pludrig auf an sonst schmalen, minikurzen Hängerkleidchen im Stil der Swinging Sixties. Stella McCartney zeigt sie schinkenweit, und Peter Dundas, der neue Mann bei Emanuel Ungaro, lässt Ballonärmel Trapezkleidchen begleiten. Dafür bringt er die Flashcolors der achtziger Jahre zurück ins Spiel und kombiniert ganz mutig Streifen zu Punkten und Blumendessins.

Schwarz-Weiß hingegen und Minilängen genügen Karl Lagerfeld, um seine beste Kollektion seit langem für Chanel zu zeigen. Er schneidet konsequent die Röcke auf Schenkelhöhe ab und zeigt Shorts als Alternative, was generell ein starker Trend in den Kollektionen war. Wem das noch zu lang ist, für den hält Lagerfeld einen badeanzugähnlichen Body parat, weder als Darunter noch für den Pool gedacht. Goldene Plateausohlen mit dicken, weißen Absätzen und durchsichtigen Plastikriemen lassen dazu die Beine noch länger erscheinen. All dies ist zwar schön anzuschauen, wenn man süße siebzehn ist, aber wie lassen sich all diese Tendenzen am Alltag festmachen?

Natürlich nur mit Hilfe von Sportswear. Alber Elbaz wird zum gefeierten Star der Saison, als er für Lanvin Minilängen, A-Linien und Kokonsilhouette mit Cargohosen und Parkas in Verbindung bringt. Also schmücken Kapuzendrapés lässige Jerseykleider mit Schubtaschen und das lineare Muster aufgesetzter Zippertaschen selbst ballonweite Kleider.

Marie-Antoinette und die Blumenkinder

Den Trench hingegen interpretiert Marc Jacobs neu mit Hemdenstoffen für sommerlich beschwingte Röcke bei Louis Vuitton. Riegel und Gurte zurren deren Beuteltaschen zusammen, während Wolkenstore-Raffungen an Romantik und Marie-Antoinette denken lassen. Dazu tragen die Mädchen Blumen im Haar und als Sträuße auch in großen Einkaufstaschen, auf denen in großen Lettern "Love" steht, das L und V in Gold natürlich, für die Blumenkinder von heute!

Auch Dries Van Noten und Jean-Paul Gaultier wählen den Blouson und Parka als Ausgangspunkt für die nächste Saison. Denn beide Formen zeigen Weite und Volumen und lassen sich in seidigen Stoffen neu für die Saison interpretieren. Einmal inspirieren sie Röcke und Kleider, einmal sind dies Mantel oder Jacke, immer aber entscheidet die Länge. Asiatische Farben wie Mohnrot oder Aquamarin, Lila und Rosa sind neu vor neutralem Hintergrund, grafische Muster und China-Prints setzen schöne Akzente. Dazu passen Tennisschuhe zum Schnüren, aber mit Keilsohle.

Doch an keiner Kollektion schieden sich so sehr die Geister wie an John Gallianos neuem Auftritt für das Traditionshaus Dior. Der Meister der großen Spektakel hatte sich entschieden, hochgeschlossene, schmucklose Kostüme zu zeigen, vornehmlich in Grau für gerade, leichte, den Körper umspielende Linien. Raffinierte Schnitte orientierten sich an Rüstungen und lenkten den Blick auf Arme und Schultern. Kurbelstickereien mit Rosenblüten brachten eine schüchterne Romantik ins Spiel. Dazu passten auch die mönchischen Frisuren mit kurzem Stirnpony. Für die Frau von heute als neuer Jeanne d'Arc. (Peter Bäldle/Der Standard/Rondo/13/10/2006)

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    Stella McCartney

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