Grillen und Chillen: "15 Again" von Cassius

12. Oktober 2006, 17:53
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Immer noch verwegen: Das französisches Produzentenduo an der Schnittstelle von House, Pop und Funk, pflegt mit seinem dritten Album neuerlich sein Image - und das sehr überzeugend

Ende der 1990er galt das noch als eine Sensation, heute ist es immerhin noch eine wirklich angenehme Abwechslung. Cassius haben nämlich ein neues Album veröffentlicht: 15 Again heißt es, und die jugendliche Euphorie des Titels ist dem Album anzumerken - auch wenn die Protagonisten dahinter wohl auch schon das eine oder andere graue Haar bei der Morgenwäsche entdeckt haben.

1998 fanden die französischen Produzenten Hubert "Boombass" Blanc-Francart und Phillipe Zdar als Cassius zusammen. Ein Unternehmen, das französischen House und virilen Pop sehr, sehr überzeugend kurzschloss und mit der Single Cassius 1999 einen ersten Hit landete. Mit ihrem Debüt 1999 aus dem gleichnamigen Jahr rührten sie in einer vom vielen Trippen, Hoppen und Häuslhousen schon ein wenig hirn- und knieweich gewordenen Szene ordentlich um. 2002, als schon wieder zu Gitarrenrock getanzt werden durfte, folgte das an dieser Stelle abgefeierte Au Rêve - nun eben 15 Again. Damit setzen Cassius eine Tradition fort, die an Motorbass ebenso festzumachen ist wie an Daft Punk. Beides französische "Bands" aus der Club-Kultur, die dem Eskapismus von House, dem schon auch eine gewisse Einfältigkeit anhaftet, Mehrwert verpassten. Willkommen in der Erkenntnisdisco!

Angewandter Eklektizismus hieß das Wundermittel, mit dem der sture Beat gebrochen wurde. Und siehe da, die Vermengung von Soul-, Pop- und Funkmotiven sowie gesangliche Unterstützung von aus diesen Genres kommenden Künstlern schufen eine Popmusik, die auf dem Dancefloor ebenso funktionierte wie zu Hause bei schief gelegtem Denkerköpfchen. Damit gelang den beiden Produzenten nach La Funk Mob und Motorbass (das war Phillipe Zdar mit Etienne De Crecy) ihre dritte Reinkarnation. Wie eingangs erwähnt, haut es heute niemanden mehr vom Hocker, wenn Housebeats pumpen, dazu eine Gitarre quengelt und sich ein paar Sänger am Mikro abwechseln, um dazwischen am Synthie zu schrauben. Das ist ungefähr so innovativ wie Deutsch-Pop oder R'n'B.

Cassius, die 15 Again beim Chillen und Grillen im Ferienhaus auf Ibiza und in Paris eingespielt haben, besitzen jedoch einen seltenen Instinkt für die Dosierung ihrer Zutaten. Einerseits. Andererseits - und das zählt bei immer noch clubtauglichen Stücken natürlich - verfügen Cassius über ein Gespür für Funk, der auch in Stücken durchschimmert, die, oberflächlich betrachtet, ohne diesen auskommen könnten. Etwa in Toop Toop, dem Opener hier. Dieser könnte auch von einer Stretchhosen tragenden Gitarrenband aus New York stammen: Zu kurzen, slicken Gitarren-Riffs und zappeligen, aber eben in die Tiefe reichenden Rhythmen erhebt hier Phillipe Zdar selbst die Stimme - ein Novum.

Bevor ein Cassius-Song Gefahr läuft auszudünnen, setzen die beiden tiefe Bässe und verschobene Beats nach. Oder es finden wie in der Vergangenheit Gastsänger Einsatz, die der eventuell schwindenden Aufmerksamkeit der Hörer entgegenhalten. Hier ist es unter anderem Pharrell Williams, Produzentenwunderkind und Solokünstler, der in dem Stück Eye Water beweist, dass er nicht nur schräge Beats produzieren, sondern auch richtig überzeugend singen kann. Gegen Ende des Albums geben sich Cassius dann wortkarg und beschließen das Album mit zwei Instrumentalstücken. Auch das geht okay. Die Aufregung davor war schließlich erheblich. Chill-out am Ende. Das kennt man doch von früher - wenn man sich noch erinnern kann ... (Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.10.2006)

  • Cassius: 15 Again (EMI)
    foto: emi

    Cassius: 15 Again (EMI)

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