Kampf um den Pustekuchen

7. März 2007, 15:12
posten

Ihr Design ist für den Augenblick, doch jeder kennt sie. Das ist dem schwäbischen Unternehmen Pustefix zu verdanken, das seit bald 60 Jahren deutsche Wirtschaftsgeschichte schreibt

Wofür die Seifenblase herhalten muss? Für die Vergänglichkeit, für die Kurzlebigkeit, für zerplatzte Träume, für inhaltslose Politik. Für Konstanz steht die Seifenblase nicht. Dafür gäbe es aber gute Gründe. Um einen sehr guten Grund dafür zu besuchen, muss man nach Kilchberg fahren, eine kleine Gemeinde südwestlich von Tübingen. Dort kennt man sich aus mit Ideen, die Bestand haben. Der Besucher fällt hier zwar gern einer träumerischen Romantik anheim - bei den alten Häusern, den in der Abendsonne strahlenden Hügeln und Feldern -, aber den Schwaben hat die Natur eine gewisse Erdigkeit diktiert. Man denke nur an Hegel.

An der Durchgangsstraße, fast an der Ortsausfahrt von Kilchberg hat das Unternehmen mit dem bürokratischen Namen Dr. Rolf Hein GmbH & Co. KG seinen Sitz. Ein riesiger gelber Bär steht vor einer Ansammlung unspektakulärer Gebäude und Lagerhallen. Der Bär auf blauem Hintergrund, das Markenzeichen der Hein KG, war Mitte der Neunzigerjahre sogar einmal ein Stück deutsche Pop-Geschichte. DJs und Cocktail-Trinker in Berlin und Hamburg hatten ihn zum hippen Shirt-Motiv erklärt.

Pustefix ist im besten Fall Tübinger Pop. Es ist eine der Marken, die deutsche Wirtschaftsgeschichte geschrieben haben. Wie Langnese oder Persil. Wie Haribo oder Aspirin.

Ein bisschen ist man enttäuscht, parkt man sein Auto vor den weißen Gebäuden: So eine riesige Marke, aber so ein unscheinbares Unternehmen? Frank Hein hat sich daran gewöhnt. "Die Leute sind schon überrascht. Die sagen dann: Das ist alles? Wo ist Ihre Marketing-Abteilung? Ihr Controlling, Ihre PR-Abteilung, wo sind Ihre Spielzeugentwickler?" Hein schmunzelt, sein rundes Gesicht mit dem schönen Schnauzbart wird noch runder. Er hat sogar Spaß daran, dass sich die Menschen unter seiner Firma einen riesigen Konzern vorstellen, in dem die Mitarbeiter lange Titel tragen und in Glasbüros sitzen. Denn das, sagt er und lächelt, bedeute ja nichts anderes, als dass "unser Produkt sehr, sehr bekannt ist".

Der Mann mit der hohen Stimme und dem gewaltigen Bauch ist der dritte Geschäftsführer der Hein KG in über einem halben Jahrhundert. Die Leitung übernahm der Wirtschaftsingenieur zum fünfzigsten Geburtstag der Firma 1998 von seinem Vater. Pustefix ist nur ein Jahr älter als das deutsche Grundgesetz, mit dem es seine unerschütterliche Standfestigkeit gemein hat - und das ausgerechnet dank Seifenblasen.

Seifenblasen seit 1948

Seit 1948 produzieren die Tübinger nichts als Seifenblasen und das dazugehörige Spielzeug. Das Unternehmen ist nach wie vor im Besitz der Gründerfamilie. Und nach wie vor sind die Seifenblasen aus Tübingen Weltmarktführer. Das kann Frank Hein nicht beweisen, denn für große Studien fehlt das Geld. "Aber wir bekommen Reklamationen, die Produkte unserer Wettbewerber betreffen", sagt Hein. "Wenn die Leute also an Seifenblasen denken, denken sie an Pustefix. Das sagt vieles." Die Konstanz, mit der Pustefix operiert, ist ziemlich beeindruckend. Seit rund 40 Jahren beschäftigt das Unternehmen fast durchgehend 25 Mitarbeiter.

Die größte wirtschaftliche Krise gab es Ende der Siebziger, nach dem "Pillenknick", als sich weniger Kinder auf die Seifenblasen aus den blauen Plastikröhrchen stürzten. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Geburtenzahlen immer gestiegen. Zudem hatte der Gründer, der "Herr Pustefix", wie Rolf Hein von der Presse genannt wurde, "der Patriarch", wie sein Enkel ihn nennt, bereits einige Schlaganfälle erlitten und war nicht mehr in der Lage, die Firma zu modernisieren.

1973 übernahm Sohn Gerold das angeschlagene Unternehmen und trieb die Blasen wieder in rentable Höhen. Der gelernte Maschinenbau-Ingenieur war vor seinem Einstieg ins Familienunternehmen kaufmännischer Manager bei Opel. Er hatte eine simple, aber gute Idee. "Es gab zwar weniger Kinder. Aber die Kinder, die es gab, hatten mehr Geld zur Verfügung. Also mussten wir andere und etwas teurere Produkte anbieten. Wir hatten eine solide Basis. Denn die Marke war damals schon sehr bekannt." Er trieb die Automatisierung vor-an, schuf das Exportgeschäft, eroberte Japan und in den Achtzigern die USA als einträgliche Märkte. Damit baute er einen weiteren Pfeiler, auf den sich Pustefix heute stützt: die internationale Ausrichtung. Denn zwischen 40 und 50 Prozent des Umsatzes macht Pustefix in rund 50 verschiedenen Ländern. Dazu kam ein weiteres tragendes Element: die Erweiterung der Produktpalette. Hatte sein Vater noch rund 90 Prozent des Umsatzes mit den Klassikern, den günstigen Pustefix-Plastikröhrchen gemacht, die 1960 die Aluminiumröhrchen mit Korkverschluss abgelöst hatten, wurden diese immer mehr in den Hintergrund gedrängt.

Gerold Hein hatte schließlich 15 Spielwaren im Programm - etwa Zauber-Bären, Puste-Delfine oder Puste-Flöten in knallig-schrillen Farben. Beim Sohn Frank stehen heute über 40 Spielzeuge im Katalog.

Vom Waschpulverproduzenten zum Seifenblasenhersteller

Gerold Hein kommt immer noch jeden Tag in die Firma. Der Mann mit den grauen Haaren und dem silbernen Bart leitet nun die vielen Betriebsführungen, und er sagt, dass es das Größte sei, "wenn er die Kinder mit den Seifenblasen spielen sieht." Es folgt eine Pause. Dass dürfe man natürlich nicht zu romantisch verstehen. Überall in den Hallen stapeln sich die Kisten mit den Spielzeugen. Die Maschinen rattern. Im ganzen Betrieb riecht es nach Ammoniak, das ein Teil der seit 1948 streng gehüteten Blasenmixtur zu sein scheint.

Von der Produktionshalle geht es flink zu den Büroräumen. Im zweiten Stock ist ein kleines Museum untergebracht, das Frank Hein noch als Student zusammengestellt hat. Hier steht all das Pustefix-Spielzeug, das es einmal gegeben hat und noch gibt. Mappen mit tausenden von Presseartikeln liegen in den Regalen. Kitschige Bilder von Seifenblasen- künstlern hängen an den Wänden, und in einem Raum stehen auf unzähligen schmalen Regalen die vielen Werbeartikel, die Pustefix produziert hat. Der bodenständige Einfallsreichtum, mit dem die Heins den Herausforderungen der Zeit begegnen, ist ihnen buchstäblich in die Wiege gelegt worden. Rolf Hein war Chemiker. Er hatte in den Nachkriegsjahren Waschpulver produziert und gegen Lebensmittel der Bauern in seiner Gegend eingetauscht. Als dann die Wirtschaft in Schwung kam und Riesen wie Persil auf den Markt drängten, war schnell Schluss für das Pulver in braunen Säcken.

Ein Abfallprodukt diente Hein als Ausweg aus der Misere. Seine Seifenblasen waren besonders stabil und bunt, seine Mixtur besonders ergiebig, so dass er etwas versuchte, was in einer unsicheren Zeit schon ein wenig als mutiger Akt des Wahnsinns erschien. Er verkaufte Seifenblasen, als so mancher noch nicht einmal genügend zu essen hatte. "Sicher hat er auch nicht geahnt, dass sein Spielzeug einmal so bekannt werden würde", sagt Frank Hein. Das Erfolgsrezept sei ganz einfach: "Die Philosophie Pustefix dürfen wir nicht verändern. Wir machen also nichts, was mit Batterien betrieben werden muss. Die muss man ja kaufen. Das langweilt nach einer Zeit. Das beiliegende Spielzeug darf nur Mittel zum Zweck sein. Die Seifenblase ist das Ziel. Ein anderes Gesetz: nichts mit Waffen. Und schließlich: Das Spiel muss einfach bleiben. Wie der Name schon sagt: Pustefix." Es ist wohl so, dass die Schönheit mancher Dinge tatsächlich in ihrer Einfachheit liegt. Pusten, Blase, Blubb!

Jahrzehntelang hatte Pustefix kaum einen ernst zu nehmenden Mitbewerber. Schließlich haben sie die Seifenblase zwar nicht erfunden, aber immerhin den Markt für die Seifenblase. In der Zeit hat der Bonner Unternehmensberater Hermann Simon den Erfolg der Tübinger so analysiert: Der Firma sei "die geringe Größe ihrer Marktnische" zugute gekommen. Diese habe sie für größere Wettbewerber schlicht unattraktiv gemacht. Die Seifenblasenkonkurrenz, die auf den deutschen Markt drängt, kommt heute aus Spanien, Italien oder vor allem China.

Ob ihm der Kampf um den Pustekuchen nicht ein wenig Sorgen bereitet? Hein lächelt gelassen. "Nein", schüttelt er seinen gewaltigen Kopf. "Wir sind die Seifenblasenspezialisten. Unsere Konkurrenten wollen nur Spielzeug verkaufen." (Ingo Petz/Der Standard/Rondo/13/10/2006)

  • Brauchen keine Batterien, machen keinen Lärm, verfügen über kein Display  und freuen trotzdem noch immer Kinder  auf der ganzen Welt: die Seifenblasen  aus dem Hause Pustefix
    foto: pustefix

    Brauchen keine Batterien, machen keinen Lärm, verfügen über kein Display und freuen trotzdem noch immer Kinder auf der ganzen Welt: die Seifenblasen aus dem Hause Pustefix

Share if you care.