Pimp my Rutschauto

14. März 2007, 13:00
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Das Bobby-Car ist das meistverkaufte Rutschauto der Welt. Das Designbüro Crosscreative aus Pforzheim hat sich des Neu-Designs des Klassikers angenommen

der Standard: Mit den Augen eines Kindes betrachtet brauchte der Klassiker Bobby Car doch gar keine Überarbeitung, oder?

Tom Nassal: Am Anfang wussten wir auch nicht, was wir ändern sollten. Es war alles andere als eine einfache Aufgabe, ja nicht einmal eine tolle! Schließlich ist das Bobby-Car einfach perfekt designt - in der Ergonomie, in den Maßen, im Spielwitz. Letztlich geht es aber um die Frage, ob man einen Klassiker überarbeiten kann oder nicht. Das ist schon eine Mordsherausforderung. Aber darum gerissen haben wir uns nicht.

der Standard: Sondern?

Tom Nassal: Wir gingen auf die Firma Big zu, um ihr einige Ideen rund ums Bobby-Car zu präsentieren, neue Modelle wie Bobby-Bob, Bobby-Boot oder ein Bobby-Laufrad. Das fanden sie toll, sagten dann aber: Jetzt macht ihr zuerst einmal das Bobby-Car. Allerdings wurde schnell klar: Es geht nicht um ein ganz neues Erscheinungsbild, sondern um behutsame Überarbeitungen.

der Standard: Warum überhaupt ein neues, wenn auch behutsam geändertes Design? Das Ding ist doch das meistverkaufte Rutschfahrzeug der Welt.

Tom Nassal: In Frankreich und Großbritannien verkaufte es sich nicht so gut. Dort findet man, das Bobby-Car sieht aus wie ein Oldtimer.

der Standard: Also keine Rede vom Coolness-Faktor wie bei uns . . .

Tom Nassal: Nein, gar nicht. Ein zweiter Grund war: Es gibt momentan überall eine neue Generation junger Eltern, die designaffin sind, und die man mit gutem Design beeindrucken kann.

der Standard: Ist Crosscreative überhaupt kompetent in Sachen Kinder und Design?

Tom Nassal: Wir sind sogar top-kompetent! Mein Kompagnon, Manuel Aydt, hat drei Kinder, alles Jungen, und ich zwei Mädchen. Wir sind zu Hause eh schon jeden Tag über Bobby-Cars gestolpert. Da konnten wir viel beobachten.

der Standard: Und wie haben Sie optimiert, was eigentlich nicht zu optimieren war?

Tom Nassal: Als Erstes haben wir immer unsere eigenen Kinder befragt: Was findet ihr gut, was findet ihr schlecht? Haben sie Kartonmodelle testen lassen. Optimiert wurde übrigens nicht nur das Design, sondern auch die Produktionstechnik. Der Ansatz beim Design aber war, Details zu optimieren. Nehmen wir die Ergonomie: Die war nahezu perfekt. Aber ein wenig ging noch. Wir konnten sie weicher machen, haben die harten Kanten bequemer für die Kinder gemacht, die Auflagen für die Beinchen verbreitert. Und nun bleibt das Wasser auch nicht mehr in den Mulden stehen. Den "pimp my . . ."-Trend haben wir auch nicht ausgelassen.

der Standard: Und zwar kann man nun . . .

Tom Nassal: . . . sein Bobby-Car mit Stickern aufpeppen. Oder den Tachoring herausnehmen und ein Blaulicht hineinsetzen. Oder einen Zündschlüssel mit Geräuschfunktion einsetzen. Kinder lieben es, wenn es mit einem tollen Spielzeug weitergeht!

der Standard: Heerscharen von Eltern wären Ihnen sicher auch dankbar, wenn Sie etwas gegen die nervenzerreißend lauten Räder unternommen hätten.

Tom Nassal: Haben wir natürlich! Jedes Bobby-Car hat nun serienmäßig so genannte Flüsterräder. Aber die sind immer noch laut genug, dass Kinder es cool finden.

der Standard: Spricht da das Kind im Designer?

Tom Nassal: Zugegeben: Wir hatten einen Heidenspaß an der Arbeit! Unser Designbüro besteht quasi zu 90 Prozent aus Spielzeug, gerade sitzen wir zum Beispiel an einem selbst gebauten Raumschiffmodell. Das ist schon ein echter Kindheitstraum, in einem solchen Umfeld arbeiten zu können. Und es ist gut zu sehen, wie ein funktionierendes Spielzeug, in das wir unser komplettes Herzblut gesteckt haben, Kinder glücklich macht.

der Standard: Zurück zu den wahren Kindern: Merken die Kleinen überhaupt den Unterschied zwischen altem und neuem Bobby-Car? Vom Geheimfach einmal abgesehen.

Tom Nassal: Wir leben in einer durchgestylten Welt, das macht auch vor dem Bobby-Car nicht Halt. Und auch Zweijährige haben schon ein Empfinden dafür, was cool ist. Unsere Erfahrungsberichte sagen: Lassen Sie zehn Kids jeweils mit einem alten Bobby-Car durch die Gegend rutschen. Sobald eins mit der neuen Version ankommt, hören Sie von allen "boah"!

der Standard: War die Arbeit so wie jede andere Designarbeit auch? Oder bezeichnen Sie sich jetzt mit Fug und Recht als Spielzeugdesigner?

Tom Nassal: Natürlich sind aus dem Bobby-Car-Auftrag noch weitere Aufträge aus dem Umfeld Spielzeug entstanden. Wir entwerfen nicht nur die Produkte, sondern auch gleich neue Verpackungen, neue Markenauftritte - das gehört zu unserem Profil. Aber davon abgesehen: Man muss als Designer bei jedem Produkt in die entsprechende Welt abtauchen können - egal, ob man für Kinder oder Erwachsene arbeitet.

der Standard: Ihr Mut, sich eines Klassikers anzunehmen, hat sich ausgezahlt: Das Bobby-Car hat den IF Product Design Award 2006 erhalten.

Tom Nassal: Ja, und auf den vorher schwierigen Märkten ist es auf Messen auch gut angekommen. In Deutschland gibt es übrigens nach wie vor das alte und das neue Bobby-Car. Und wird auch auf absehbare Zeit weiter erhältlich seien.

der Standard: Was ja auf dem Markt eher selten ist.

Tom Nassal: Schon. Aber wir unterstützen es. Schließlich wollten wir niemals Altes verdrängen. Erst recht nicht, wenn es eine derartige Tradition hat: Das Bobby-Car ist in die Siebzigerjahre einfach zur richtigen Zeit mit dem richtigen Design hineingeboren worden. (Interview: Mareike Müller/Der Standard/Rondo/13/10/2006)

  • Tomm Nassal (li.)  und Manuel Aydt vom Designstudio Crosscreative
    foto: crosscreative

    Tomm Nassal (li.) und Manuel Aydt vom Designstudio Crosscreative

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    foto: crosscreative
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