Spaß muss rein

21. Februar 2007, 14:34
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Nein, wir wollen nicht erwachsen werden - das beweist vor allem ein Blick in die Designwelt - Volker Albus spürte dem Kind im Designer, aber auch im Benutzer nach

Seien wir einmal so richtig übermütig und denken uns etwas ganz Eigenartiges aus, z. B. ein Taschenmesser mit integriertem MP3-Player. Absurd? Kindisch? Voll daneben? Von wegen! Vor Kurzem präsentierte das nicht gerade als schräg bekannte Magazin AD (Architectural Digest. Die schönsten Häuser der Welt) exakt ein solches Stück: "Scharfer Sound", heißt es da, und weiter: "Taschenmesser (!) von Victorinox mit MP3-Player, Voice-Recorder und USB-Speicher, um 150 Euro."

Auch wenn man in puncto Kombinatorik schon dank der Foto-, E-Mail-, TV- und Navigationskapazitäten unserer Handys so einiges gewohnt ist, überrascht die hier realisierte Zusammenführung eines mechanischen Werkzeugsortiments mit dieser digitalen Soundstation selbst den hartgesottensten Technikfreak. Sicher, beides, sowohl das kompakte Messer-Schere-Nagelfeilen-Set als auch das private Musikarchiv hat man immer gern dabei. In Zeiten jedoch, in denen selbst die Nagelfeile spätestens beim Boarding konfisziert wird, macht solch eine Allianz wenig Sinn.

Gleichwohl wäre es grundverkehrt, an dieser Stelle kleinlich die Frage nach dem so genannten Gebrauchswert zu stellen. Zum einen, weil dieses Ding, wenn auch eingeschränkt, sowohl als auch funktioniert, zum anderen aber, und das begründet das Weshalb-und-Wozu dieses elektro-mechanischen Spielzeugs weit überzeugender, weil die zentrale Frage des aktiven Konsumenten längst nicht mehr "Was brauche ich, was brauchen wir?" lautet, sondern "Was könnten wir vielleicht noch wollen?"

Und genau darum geht es, um die Inszenierung eines Szenarios des Vielleicht-noch, des Wie-wär's-denn-damit, um die Kultivierung eines Reizklimas, das noch die abstrusesten Wünsche unserer konsumistischen Verhaltenspsyche Wirklichkeit werden lässt - und sei es den nach der rappenden Nagelschere.

"Deutschland spielt"

"Deutschland spielt" betitelte die FAZ am 2. Februar dieses Jahres ihre Berichte von der Spielwarenmesse in Nürnberg. Aber ebenso gut könnte man auch die Eindrücke von der Internationalen Funkausstellung in Berlin, von der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt, der CeBit in Hannover oder den alljährlichen Konsumgüter- und Möbelmessen in Frankfurt, Köln und Mailand mit diesem Motto überschreiben. Denn gespielt wird überall. Ein Großteil der auf diesen Messen vorgestellten Produkte hat relativ wenig mit den Ansprüchen an ein Werkzeug, an ein Gerät oder Möbel zu tun. Vielmehr geht es um unseren Spieltrieb, um den Spaß am reinen Zeitvertreib oder schlicht um den offensichtlich weit verbreiteten Wunsch, die nüchternen Fakten des Alltags Teletubby-mäßig zu kompensieren. Ob Kaffeemaschinen oder Handys, Büromöbel oder ganze Wohnlandschaften, in sämtlichen Produktkategorien bietet das Design Lösungen, die sich nicht an den Gesetzmäßigkeiten der Bedienbarkeit oder der Wahrnehmung orientieren, sondern in erster Linie am Vokabular einer vermeintlich "kindlichen Gesellschaft", einer Gesellschaft also, die sich, wie der Schriftsteller Robert Bly 1997 diagnostizierte, weigert, "erwachsen zu werden".

Vor allem scheinen sich die Hersteller so genannter Wohn- und Haushaltsaccessoires diesem "Kindchenschema" verschrieben zu haben, wie etwa die italienische Firma Alessi, die seit dem Welterfolg der Zitronenpresse Juicy Salif (Philippe Starck) seit nunmehr gut 15 Jahren einen Großteil ihrer Kollektionen auf die ästhetischen Leitbilder der kleinsten Kunden abzustimmen scheint.

Unvoreingenommene Wahrnehmung

Nun ist gegen eine solche Aktivierung mehr oder weniger naiver Geschmacksbilder erst einmal nichts einzuwenden. Im Gegenteil. So fühlte sich kein Geringerer als der Gestalter Emlio Ambasz bei der ersten Ansicht der Memphis-Kollektion anfangs der 80er-Jahre an das Verhalten und die Aktivitäten von kleinen Kindern erinnert, die die sie umgebende Welt der Dinge vollkommen unvoreingenommen wahrnehmen, d. h. weder die Bedeutung noch die Wertigkeit noch die spezifische Funktion eines Möbels oder sonstiger Gegenstände des Erwachsenenhaushalts kennen. Das führe dann dazu, so Ambasz weiter, dass z. B. ein Stuhl, je nach Lage, zu einer Lokomotive, zu einem Lesepult oder eine schrägen Liege "umfunktioniert" wird.

Treffender hätte man es kaum charakterisieren können. Denn Sottsass und seinen Jüngern ging es tatsächlich um nichts anderes als darum, die scheinbar fest vereinbarten Konstanten der funktionalistisch geprägten Entwurfskultur auf den Kopf zu stellen, sie mehr oder weniger komplett auszublenden und gänzlich "andere" Ansätze zu testen. Und dieses Prinzip stellte natürlich alles infrage: die Konstruktion, die Konfiguration, die Symbolik, die Materialität, die Farbigkeit, eigentlich alles, was die letztendliche Form Möbel, ein Objekt unserer Haushaltswelt, definiert.

Blubb!, Blobb!, Boing!

Allzu viele hatten diesen, die unkonventionelle Herangehensweise in den Mittelpunkt stellenden Ansatz jedoch nicht erkannt. Für die Mehrzahl der Epigonen reduzierte sich Memphis auf eine dreidimensionale Umsetzung Disney'scher Lautmalerei: Blubb!, Blobb!, Boing! Soll heißen: auf das Ergebnis - aber nicht auf das Prinzip. Und daran hat sich bis heute scheinbar nichts geändert. Mehr noch: Die das schlichte Gemüt begattenden Knubbel- und Knautschformen überwuchern noch den profansten Haushaltsartikel wie Schuh-, Nagel- oder Klobürsten oder ganze Armaturenbretter (Smart, Beetle). Beliebt, so erscheint es, ist nicht, was gefällt, beliebt ist, was erheitert, was unterhält, was ganz einfach lustig aussieht. "Super-action Design Fun" betitelte etwa der Möchtegern-Blobbmaster Karim Rashid seine Schau anlässlich der Möbelmesse in Mailand und führte vor, wie sich ein im Stahlbad der Comicwelt gehärteter Designer die Wohnwelt vorstellt: glatt, glänzend, gutgelaunt. Nicht minder fröhlich betreiben die Damen (oder sollte man sagen: Girlies?) der schwedischen Gruppe Front ihr Geschäft. Ihr in der Ausstellung Promosedia 2006 vorgestellter Soft Wooden Chair besteht aus 10.000 (wörtlich: zehntausend) kleinen, kunterbunten, durch elastische Schnüre zusammengehaltenen Holzkugeln - so als hätte man den Inhalt eines Bubblegum-Automaten zu einer Stuhlform zusammengefügt. Und auch der Brite Stuart Haygarth ist nicht gerade ein Kind von Traurigkeit. Er fügte insgesamt 1000 gleichförmige, aber verschiedenfarbige Partypopper-Fläschchen zu einem riesigen Kronleuchter zusammen: Spaß muss sein, Spaß muss rein! Das dachte sich wohl auch der Franzose Ora-Ito, dessen Hybrid-Festplatte für La Cie, wie er verkündete, eine Reminiszenz an sein Lieblingsspielzeug Lego darstellt.

Keine Messe, kein Event (designerblock, 100% Design, Talents, salone satellite), die dem Spaßfaktor nicht eine Sonderschau widmeten - oder gleich komplett der gestalteten Ausgelassenheit huldigen. Dementsprechend sind es vor allem die Jungen und Jüngsten, also all diejenigen, die sich eigentlich nie mit den elementaren "Needs" auseinandersetzen mussten, sondern die in einem, wenn auch nicht persönlichen, so doch in einem gesellschaftlichen Überflussmilieu groß geworden sind und die so den funktionalen Ernstfall in eine, wenn auch kleine Freude des Alltags verwandeln wollen.

Soft Wooden Chair

Das gelingt nicht immer und landet, wie im Falle Rashid, häufig als schaler Kalauer in einem eher selten frequentierten Gästezimmer. Aber es gelingt immer dann, wenn sich hinter dem spielerischen Auftritt mehr als der Wille zum puren Gag verbirgt, wenn sich also, wie im Falle des Soft Wooden Chair von Front, das rot-gelb-blaue Kugellager als sich jeder Sitzposition anpassender Unterbau entpuppt, also als nichts anderes als eine seriöse Variante zum Thema Ergonomie. Und das käme dem Sottsass'schen Diktum vom "anderen" Ansatz dann doch wieder recht nahe.

Nicht viel anders verhält es sich mit all den Objekten, die derzeit noch auf der Ausstellung "anders als immer" in Karlsruhe zu sehen sind. Auch hier lohnt es sich, das Design nicht allein nach der ungewöhnlichen Form zu bewerten, sondern sich vielmehr mit den zu den jeweiligen Formen führenden Konzepten auseinanderzusetzen. Das gilt für Jurgen Beys Stuhl "do add#2", dessen Sitzfläche nach einer Seite um circa 40 Zentimeter auskragt, das gilt für Marti Guixés stummelbeiniges Stühlchen Galeria H20 Chair oder aber, um ein letztes Beispiel zu nennen, auch für den "Konferenztisch" Ping meets Pong der Wiener Gruppe Walking Chair. Bei all diesen, zunächst merkwürdig dekonstruiert anmutenden Beiträgen zur Wohn- und Bürokultur geht es keineswegs um ein spielerisch subversives Auseinandernehmen bestehender Konventionen, sondern um ganz bestimmte, unserem Verhalten angepasste Gegenvorschläge. So dient Beys Kragfläche dem Sitzenden als seitliche Ablage, während Guixé seinen Stuhl sozusagen als Tieflader definiert, auf dem man zunächst einen Stoß Bücher stapelt, um sich dann darauf niederzulassen (und sich allmählich "herunterzulesen"). Und auch Walking Chair stellen mit ihrer kreisrunden Tischtennis-Besprechungsplatte ein zwar weit verbreitetes, aber eben nur selten gewürdigtes Moment unserer Arbeitswelt in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen, nämlich das Bedürfnis nach einer spielerischen Auflockerung: Arbeit, so ihr Diktum, soll schließlich auch Spaß machen! Und wer wollte dem schon widersprechen? (Der Standard/Rondo/13/10/2006)

Volker Albus ist als Architekt, Designer, Autor ("form", "hochparterre", "Domus", u. a.) und Ausstellungsmacher tätig. Seit 1994 lehrt er als Professor für Produktdesign an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe
  • "Soft Wooden Chair" von Front Design
    foto: studio jurgen bey

    "Soft Wooden Chair" von Front Design

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