"Mahlzeit!"

19. Oktober 2006, 17:21
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Seelenverwandtschaft zu den traditionellen Speisen - Oder: lediglich eine Floskel in heimischen Ämtern

Pro+++
Von Christoph Winder

Der Mahlzeit-Gruß zählt zum altehrwürdigen österreichischen Traditionsgut. Allein deshalb wäre er schützenswert, aber er eignet sich überdies hervorragend dazu, mit nur einem Wort eine Aura landestypischer Kulinarik herbeizuzaubern, die man jenseits unserer Grenzen nie und nimmer vorfinden würde. "Mahlzeit"- das klingt nach den labyrinthischen Wandelgängen Wiener Ministerien, in denen man auf grottengleiche Kantinen stößt und mit all jenen federleichten Köstlichkeiten konfrontiert wird, die für die hiesige Küche charakteristisch sind: Suppen mit kindskopfgroßen Leberknödeln, rosarote Punschkrapfen, gebackener Emmentaler mit Sauce Trara. Zwischen diesen Speisen und "Mahlzeit" besteht eine Seelenverwandtschaft, welche dem wahren Patrioten ans Herz rührt. Nicht zuletzt eignet sich der Wunsch auch für den köstlichen Bubenscherz, bei dem das "a" in "Mahlzeit" als lauter Rülpser artikuliert wird, was beträchtlich zur Aufheiterung steifer oder muffiger Tischrunden beitragen kann. Ein Heidenspaß, vor allem bei Staatsbanketten!

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Contra---
Von Roman David-Freihsl

Schon bei Tisch ist dieser Gruß eine Absurdität. "Mahl-Zeit" - das ist, als würde man in der Früh die Göttergattin anblinzeln und mit "Aufstehzeit" begrüßen. Oder als würde man samstagabends vom Fernseher aufstehen und sich vom Familienverband verabschieden mit: "Beischlafzeit."

Und dann noch diese Wiener Spezialität, die rein gar nichts mit dem Essenbeginnen zu tun hat, sondern ausschließlich mit bürolichen Grußritualen. Tatsächlich ist diese Wortfloskel lediglich in der Arbeitswelt verbreitet. Vordergründig klingt das, als würde man sich wechselweise dar-an erinnern, nicht aufs Essen zu vergessen. In Wirklichkeit schwingt hier aber ein Vorwurf mit. Als wollte der Grüßer andeuten, dass man einer jener sei, von denen es am Telefon vormittags heißt, er sei "noch nicht im Hause", ab 11 Uhr "bei Tisch" und ab 15 Uhr "leider schon außer Haus". Wir erlebten einmal tatsächlich zwei Beamte, die einander freitags um 11 Uhr auf dem Gang eines Ministeriums begegneten und sich folgendermaßen grüßten: "Mahlzeit" - "Schönes Wochenende". (Der Standard/Rondo/13/10/2006)

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    foto: ost
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