Feschonismus reloaded

12. Oktober 2006, 17:39
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Sie sind modern. Echt. Wenn Sie bis dato schmollten, dass Fashion ein in seiner Kurzlebigkeit kaum einlösbares Phänomen darstellte - derzeit sind Sie voll in

Das Gute zuerst: Sie sind modern. Echt. Wenn Sie bis dato schmollten, dass Fashion ein in seiner Kurzlebigkeit kaum einlösbares Phänomen darstellte - derzeit sind Sie voll in. Ein Blick in den Schuhschrank überzeugt: spitze, runde, vorn waagrecht abgehackte Schuhe, Plateau-, Keil-, Pfennig- oder Blockabsätze - alles hip! Das Gleiche bei der Gewandung: Camou- flage, Pailletten, Raubtier, Ethno, Karo oder Retro: alles top!

Wer jetzt einen "Concept-Store" aufsucht ("Boutique" heißt das heute nur noch bei Hunden), findet dort die Burda-Schnitte der gesamten letzten 50 Jahre realisiert: weit, eng, kurz, lang, in Tweed, Spitzen, Samt, Seide, Leder und Plastik - und das ist derzeit alles hochmodern. Auch Leggings. Alles, wovon man dachte, "das gab's doch irgendwie schon einmal, und es war damals schon echt übel" - alles das ist jetzt dernier cri. Und wenn nicht, dann ist es "Avant-Garde" oder zumindest "Made in Austria" und jahrelang in.

Jean-Paul, Raf, Stella und Steve in London, Mailand und Paris tun sich irgendwie schwer mit dem Neu-Erfinden. Auch der alte Karl macht mit seinen angehungerten Altherrenschenkeln in Stützjeans mehr her als mit seiner neuen Ware.

Aber so lange auf den Prêt-à-porters nicht auch noch nummerntafelgroß die Kollektionsjahreszahl prangt, so lange ist en vogue, was die begehbare Garderobe hergibt. Nur gelernte Woman-Leserinnen können z. B. an der von Chanel et alii in leutseligem Schwarz gehaltenen Kostümierung des Films "The Devil Wears Prada" monieren, dass die Fashion letzt- und vorletztsaisonal ist.

Das Schlechte ist, dass der globale Altkleiderhandel bereits korrumpiert ist. Auch der dünnste Afrikaner wartet auf dem Markt in Korogwe lieber auf die neuen Ferragamo-Teile per Mitumba (Tansanisch für: "Das Hemd des toten weißen Mannes" - da man gute Kleider ja wohl kaum lebendigen Leibes weggeben würde), bevor er "Made in China" anzieht. (Una Wiener/Der Standard/Rondo/13/10/2006)

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