Porträt: Khols Wüsten-Marsch ist zu Ende

25. Oktober 2006, 16:02
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Andreas Khol zieht sich aus der Politik zurück - Innenministerium blieb dem ÖVP-Urgestein verwehrt

Wien - Andreas Khol hat jetzt doch genug vom Parlament, immerhin 23 Jahre hatte es der leidenschaftliche Tiroler und Wegbereiter der schwarz-blauen Wende als Abgeordneter im Hohen Haus ausgehalten, davon acht Jahre als Klubobmann für die ÖVP und die letzten vier als Erster Nationalratspräsident. Sein Wunsch, auch einmal einer Regierung anzugehören (und das möglichst als Innenminister) blieb dem 65-Jährigen in seiner langen Polit-Karriere jedoch verwehrt.

"Mein Amt ist weg"

Eigentlich hätte Khol ja noch ganz gerne ein wenig weitergemacht, sagt doch dem begeisterten Berggeher und Kunstfreund das klassische Pensionsalter 65 letztlich gar nichts. Doch der überraschende Wahlsieg der SPÖ kostete ihn das schöne Amt, das er in den letzten vier Jahren sehr lieb gewonnen hatte: "Mein Amt ist weg", stellte Khol schon am Abend des 1. Oktober lapidar fest.

Konservatives Urgestein

Und da man als ehemalige Stier nicht als Ochse in den Stall zurückkehren will, so Khol selbst im informellen Gespräch vor ein paar Tagen, sagte sich das konservative Urgestein nun gleich vom ganzen Parlament los. Fad wird ihm wohl auch in Zukunft nicht werden. Hobbys hat er zur Genüge, vom Gärtnern über das Theater bis hin eben zum Bergwandern. Außerdem gäbe er gerne in einer Zeitung den Kommentator, feixte Khol jüngst. Und immerhin bleibt dem parlamentarischen Rentner ja noch der Chefposten im Seniorenbund.

Konservatives Urgestein

Der scheidende Nationalratspräsident gehört mit Sicherheit zu den schillerndsten Persönlichkeiten, die die österreichische Innenpolitik während der letzten Jahrzehnte zu bieten hatte. Stets wert-konservativ und ein Schwarzer durch und durch, andererseits aber auch unberechenbar und nicht in starre Schemen passend.

Seine sechs Kinder besuchten die als alternativ geltende Rudolf-Steiner-Schule, einer der Junioren wurde zum Model, dem Vater gefiel's - zumindest öffentlich - und er gefällt sich auch als Liebhaber moderner Kunst. So war Khol beispielsweise so ziemlich der Erste, der Elfriede Jelinek Glückwünsche zum Nobelpreis übermittelte - und das obwohl die Schriftstellerin mit der ÖVP wohl sehr wenig am Hut hat. Als Verfassungsrechtler war es gerade Khol, der den Kärntner Slowenen - wenn auch vielleicht nicht ganz absichtlich - den Tipp gab, dass man mit Geschwindigkeitsüberschreitungen beim VfGH zu neuen zweisprachigen Ortstafeln kommen könnte.

Erhard Busek-Nachfolge

Parteipolitisch kennt Khol aber keine Gnade, kannte sie nie - weder nach innen noch nach außen. Wiewohl er nie zu den Beliebten in seiner Partei gehörte, konnte sich in der Volkspartei in den letzten Jahren kaum jemand mehr ein Leben ohne Andreas Khol vorstellen. Nach seiner Niederlage bei der Klärung der Erhard Busek-Nachfolge verbündete er sich mit Sieger Wolfgang Schüssel, wurde auf dessen Auftrag Klubchef, spielte dort den strengen Zuchtmeister und bestimmte wesentlich die Politik der Volkspartei seit Mitte der 90er. Der vielerorts festgestellte Rechtsruck der ÖVP wird von Beobachtern ganz wesentlich mit dem Namen Khol verbunden.

Architekt von Schwarz-Blau

So überraschte es dann auch wenig, dass der damalige Klubchef zu einem Architekten von Schwarz-Blau wurde, auch wenn er die FPÖ noch wenige Monate davor als außerhalb des Verfassungsbogens angesiedelt hatte. Kaum jemand wird unter der Machtteilung mit den Sozialdemokraten ähnlich gelitten haben wie der wertkonservative Khol, beklagte er doch einmal (viel kritisiert) die Zeiten, wo ihm nur die "roten Gfrieser" aus dem Fernseher entgegengeblickt hätten.

Logischerweise gefiel es ihm dann auch nicht schlecht, die konservative Wende führend mitzugestalten. Sein Buch "Der Marsch durch die Wüste Gobi" wurde zum Wendeklassiker. Und mit FPÖ-Klubchef Peter Westenthaler mutierte er dank der vielen gemeinsamen Auftritte zum "Koalitions-Zwilling", eine Rolle, die dem von politischen Gegnern oft als arrogant beschriebenen Zitate-Klopfer an der Seite des manchmal als Raubein apostrophierten Freiheitlichen sichtlich mehr als gut gefiel.

Weggefährte

Dass Khol - wegen seiner Unabkömmlichkeit als Klubchef - 2000 auf ein Regierungsamt verzichten musste, wurde ihm von Schüssel 2002 reichlich abgegolten. Der langjährige Weggefährte stieg zum Ersten Nationalratspräsidenten und damit zum zweithöchsten Mann im Staat auf, eine Rolle, die er mit Leidenschaft lebte. Der Parlamentsumbau wurde zügig vorangetrieben, das neue Besucherzentrum steht, das Hohe Haus ist für die Öffentlichkeit attraktiver geworden - auch durch die diversen Ausstellungen, die von Khol forciert wurden.

Als weniger segensreich wurde vor allem seitens der Opposition sein Wirken an Plenartagungen empfunden. Er habe am Podium den Parteipolitiker auch nach vier Jahren nicht ablegen können, seufzte so mancher Abgeordnete.

Lieblingsprojekte

Seinen "Ruhestand" wird Khol möglicherweise vermehrt in seiner Heimat Tirol verbringen, wenngleich er ja eigentlich gebürtiger Norddeutscher ist. Freilich kam er schon als Kind nach Südtirol, musste von dort aber in Richtung Norden fliehen - ein Thema, das Khol bis heute beschäftigt, ist doch eines seiner Lieblingsprojekte, die Schutzmacht-Funktion Österreichs für Südtirol in die Verfassung zu schreiben. Wurzeln geschlagen hat er mittlerweile auch in Kärnten, der Heimat seiner Frau. Dort verbringt Khol gerne seine Sommer. (APA)

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