Und die Haare fallen schon aus

11. Oktober 2006, 18:49
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Der Zypriote Marcos Baghdatis soll der neue Andre Agassi werden - Ob das möglich ist, davon kann sich Stefan Koubek im Achtelfinale ein Bild machen

Wien - Inwieweit und ob überhaupt ein 6:1, 6:0 gegen Denis Gremelmayr Sinn macht, wird Stefan Koubek frühestens und auch spätestens heute, Donnerstag, erfahren. Er trifft im Achtelfinale der BA-CA-Trophy auf Marcos Baghdatis. Der Zypriote kann und will nämlich - das unterscheidet ihn zum Beispiel von Gremelmayr - Tennis spielen. Den Umständen entsprechend halt. In Wien wirft er neben Kohlehydraten, Gemüse und toten Tieren vor allem Schmerztabletten ein, damit ihn nicht das Gefühl plagt, "dass die Schulter abfällt".

Baghdatis soll einmal der neue Andre Agassi werden. Das ist zumindest der Wunsch der ATP und ihrer Marketingabteilung. Lücken wurden auch deshalb geschaffen, um geschlossen zu werden. Der 21-jährige Baghdatis ahnt sein Glück, er hält das Geschwätz für "eine Zeitverschwendung, obwohl es mich ehrt. Im Gegensatz zu Agassi habe ich noch Haare, die aber jetzt schon weniger werden".

Er, Baghdatis, sehe schon ein, "dass meine Art, wie ich auf dem Tennisplatz auftrete, ankommen dürfte. Ich selbst sehe meine Matches nie auf Video, ich finde mich schrecklich. Außerdem weiß ich, wie die Partien ausgegangen sind".

Der Typ rennt, fightet, fällt tatsächlich immer wieder um, was auch an den Krämpfen liegen mag, für die er zwar kein Faible hat, "die aber einfach kommen und zu mir gehören". Während und nach seiner Erstrundenpartie in der Stadthalle gegen Rubens Ramirez Hidalgo (6:3, 3:6, 6:4) waren die Unterarme steif. "Eigentlich zuckte der ganze Körper, den ich nicht mehr gespürt habe." Was ihn kaum darin gehindert hat, Bälle aus den Ecken zu fischen und irrwitzige Schläge aus dem Ärmel zu beuteln. Und mag die Schulter noch so lädiert gewesen sein.

Vor einem Monat hat er in Peking seinen ersten ATP-Titel geholt. Legendär ist das Finale der Australian Open, das er gegen Roger Federer knapp verloren hat. "Gegen den verliert jeder, der ist ein Genie." Bei den US Open unterlag er in der zweiten Runde Andre Agassi in fünf Sätzen (die Beine krampften), der seinerseits dann von Benjamin Becker in Pension geschickt wurde. Marketingmäßig hätte natürlich Agassi krampfen sollen, das wäre eine schöne Geschichte geworden. Just der Nachfolger beendet die Karriere des legendären Vorgängers, super, kitschig, drehbuchreif.

Ein Scherz

Baghdatis steht erst am Anfang. Er ist die Nummer neun der Welt, auf dem Preisgeldkonto liegen erst 1,5 Millionen Dollar. Seine Eltern, denen er als braver Sohn ein Haus auf Zypern hat bauen lassen, sind übrigens nicht nach Wien gekommen. "Weil die Stadt so hässlich ist. Nein, das war nur ein Scherz." Ob er sich vor Groupies noch erwehren kann, etwa bei den Player-Partys? "Um das zu wissen, müsste ich hingehen."

Am Donnerstag muss er sich vor Koubek in Acht nehmen. Der ist "gut drauf", und ihn beglückt die Tatsache, "dass ich zum Aufwärtstrend im österreichischen Tennis ein wenig beitragen kann. Ich lebe wieder, das Selbstvertrauen stimmt." Baghdatis empfindet jedenfalls großen Respekt: "Koubek ist stark, er hat Heimvorteil. Gegen einen Top-Ten-Spieler strengen sich alle doppelt an. Daran bin ich aber selber schuld." (DER STANDARD, Printausgabe, Donnerstag, 12. Oktober 2006, Christian Hackl)

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    Marcos Baghdatis ist ein Typ, dem tatsächlich einiges zuzutrauen ist. Obwohl er sich auf dem Tennisplatz schrecklich findet.

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