Hurrikane, umstrittene Stadtschützer

23. Oktober 2006, 14:32
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Die Lehren aus "Katrina" könnten unterschiedlicher nicht sein - können gar Wirbelstürme die Stadt New Orleans retten?

Washington - Ein gewaltiges Bauprojekt zum Schutz von New Orleans steht wegen neuer Forschungsergebnisse infrage. Die Stadt wurde im Vorjahr vom Hurrikan "Katrina" überschwemmt und schwer beschädigt. Ingenieure wollten sie besser schützen, indem sie den Fluss Mississippi nicht mehr gänzlich ins Meer münden lassen. Stattdessen sollen Abzweigungen gebaut werden, durch die sich das Wasser aufs Marschland ergießen. Dann verteile sich Schlick über die Ebene zwischen Stadt und Meer, kalkulierten die Experten jüngst auf einer Tagung von Ingenieuren und Geologen in New Orleans. Der Boden schwelle langsam an und halte künftige Fluten des Ozeans auf. Einer neuen Studie zufolge wäre der aufwändige Bau neuer Flussarme, der hunderte Millionen Dollar verschlingen soll, jedoch nahezu wirkungslos. Demnach führt der Mississippi weniger Sedimente als vermutet - es würde sich keine Barriere gegen Sturmfluten bilden.

Für Schutz sorgen stattdessen paradoxerweise die Stürme selbst. Den meisten Sand und Schlick spülten Hurrikanfluten ins Marschland von Louisiana, schrieb vor wenigen Tagen eine Gruppe um Eugene Turner von der Louisiana State University in Baton Rouge in der Internetausgabe von Science. Die Geologen haben 186 Bohrungen im Küstengebiet nahe New Orleans untersucht. Demnach haben die Fluten, die die Wirbelstürme "Katrina" und "Rita" im Jahr 2005 in die Gegend trieben, durchschnittlich fünf Zentimeter dicke Schlickschichten hinterlassen - rund 130 Mio. Tonnen Schlamm.

Starke und mittlere Hurrikane treffen Louisiana nach Angaben von Turner etwa alle acht Jahre. Sie schwemmten - pro Jahr gerechnet - fünfmal so viel Material in die Marsch wie es der Mississippi und seine Nebenflüsse taten, bevor die Deiche errichtet wurden. Eine bereits gebaute Flussumleitung bei Caernarvon erweise sich somit als nahezu wirkungslos: Wirbelstürme brächten durchschnittlich 72-mal so viel Sediment im Jahr in die Gegend wie jener Prototyp der geplanten Deichöffnung, betont Turner.

Land sinkt weiter ab

Doch auch die Wirbelstürme haben offensichtlich nicht geholfen, das Absinken des Landes zu verhindern. Die Hurrikan-Flut vor einem Jahr traf New Orleans besonders hart, weil die Stadt unter dem Meeresspiegel liegt. Ihr Untergrund sackt um sechs Millimeter pro Jahr ein, wie Radarmessungen zeigen, die Timothy Dixon von der University of Miami in Nature präsentierte. Eine alternative Erklärung, das großräumige Absinken der tektonischen Erdscholle, auf der New Orleans liegt, schlossen Geologen um Torbjörn Törnqvist von der Tulane University in New Orleans im Fachblatt Geology aus.

Die meisten Wissenschafter machen bisher die Flussdeiche verantwortlich, die das Überlaufen des Mississippi verhindern. So fehle der Nachschub an Schlick, weshalb der Boden - ein wasserdurchtränktes Torfmoor - in sich zusammensacke. Ein Trugschluss, sagt Turner: Kanäle, die für die Ölindustrie ins Marschland gegraben wurden, hätten den Wasserfluss im Boden unterbrochen.

Seine Fachkollegen widersprechen. Es sei zwar "exzellent", dass nun der Beitrag von Hurrikanfluten zur Sedimentbilanz besser bekannt sei, sagt Denise Reed von der University of New Orleans; sie gehört zu den Organisatoren des geplanten Flussumbaus. Turner habe jedoch den Effekt der neuen, künstlichen Mississippi-Arme zu ungenau kalkuliert. Die Umleitung bei Caernarvon sei zu klein, um sie auf die geplanten Bauten hochzurechnen. 210 Millionen Tonnen Schlick spüle der Mississippi jährlich ins Meer - das Material bliebe für den Küstenschutz "ungenutzt", sagt Reed. Falsch, kontert Turner: "Hurrikanfluten schwemmen das meiste aufs Land zurück."

Andere Forscher hingegen werfen Turner vor, er habe die Erosionswirkung der Wirbelstürme vernachlässigt. Die Fluten rissen viel Sediment ins Meer und zerstörten Marschland, sagt Törnqvist. Die neue Studie zeige gleichwohl, dass man "extrem wenig" darüber wisse, wie sich Schlick ansammelt. Ob der Schlamm des Mississippi wie geplant zum Küstenschutz genutzt werden kann, wollen die Forscher nun in Kürze auf einer Tagung beraten. (Axel Bojanowski/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12. 10. 2006)

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    Nach Hurrikan "Katrina" standen weite Teile New Orleans unter Wasser. Die Stadt liegt unter Meeresniveau. Laut jüngster Studie könnten paradoxerweise die Wirbelstürme selbst die Stadt vor künftigen Überflutungen schützen.

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