Stechapfelsamen: Produktkontrolle sollte früher erfolgen

26. Juli 2007, 12:59
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Die kontaminierte Biogoldhirse kam für manche nicht unerwartet - Leopold Girsch von der AGES im derStandard.at-Interview

derStandard.at: Die Rückrufaktion der Biogoldhirse hat einen Denkprozess in Gang gesetzt. Sind Verunreinigungen dieser Art ein Problem der Biolandwirtschaft, oder ebenso in der konventionellen Landwirtschaft?

Girsch: Lassen sie mich zu den Untersuchungsergebnissen noch etwas richtig stellen. In den Zeitungen werden Fotos von schwarzen Samen als Stechapfel identifiziert. Das, was ich auf den Fotos sehen konnte, ist aber mit hoher Sicherheit kein Stechapfelsamen.

derStandard.at: Womit haben wir es dann zu tun?

Girsch: Wir haben zufälligerweise in diesem Zusammenhang auch eine Probe untersucht. Die meisten Stechapfelsamen waren hier geschält. Das heißt sie waren gar nicht schwarz. Das erklärt die vergleichsweise niedrigen Ergebnisse, die gefunden wurden. Wir haben in einer Probe über 50 Stechapfelsamen gefunden.

derStandard.at: Das verringert die Verunsicherung keineswegs.

Girsch: Hier ist die Thematik die, dass die Samen die primär dunkel in der Hirse vorliegen, kleiner als die geschälte Hirse sind und im Schälprozess durch den Rost fallen.

Wir haben sogar eine Probe mit 296 Samen anderer Natur gefunden. Das sind Knöterichgewächse, Labkraut, Melde, Ampfer, also verschiedenste Samenarten. Auch Kulturpflanzen wie Gelbsenf und Raps. Also eine riesige Palette an Flora, die es am Feld gibt.

derStandard.at: Das war eine Biohirse Probe?

Girsch: Das war eine Zufallsprobe, die wir bekommen haben mit dem Emblem so wie sie jetzt dargestellt wird. Das ist schon eine sehr hohe Verunreinigung mit Samen anderer Arten.

derStandard.at: Kann der Laie diese Verunreinigungen erkennen?

Girsch: Optisch sind sie unterscheidbar, aber bei uns lernen hier Samenanalytiker drei bis vier Jahre bis sie in der Lage sind all die verschiedenen Formen und Reifezuständen der Samen zu identifizieren. Die Flora ist ja riesig und es kann de facto alles als Probe vorliegen.

derStandard.at: Gibt es so etwas wie einen Normbereich der Verunreinigung ?

Girsch: Für große Kulturarten haben sie die Börse-Usancen oder die Interventionsbestimmungen der EU, wie diese Getreide übernehmen.

Da wird nach den alten Börse-Usancen zwischen Schwarzbesatz und Weißbesatz unterschieden. Unkrautsamen, die man sich nicht wünscht, werden als Schwarzbesatz bezeichnet. Wenn man Samen mit dem gleichen Ziel findet, wie zum Beispiel Mais im Getreide, dann ist das Weißbesatz und wird nicht so dramatisch bewertet.

Die Hirse ist allerdings so eine kleine Handelsmenge, dass es hier in der Regel keine Usancen gibt.

derStandard.at: In den letzten Tagen wurde uns erklärt, dass die Samen aber sehr wohl mit den unterschiedlichsten Auslesetechniken entfernt werden können.

Girsch: Da gibt es eine große Palette an Reinigungsmaschinen für Konsumware. Sie nutzen den Wind. Das sind die einfachen Aspirationsverfahren, Siebeverfahren oder sie können nach Länge auslesen. Da geht es natürlich auch immer um Leistung.

Das klassische und logische ist der Schütteltisch, wo Sie nach unserem Daführhalten wesentlich besser reinigen könnten als beispielsweise mit einem Foto Ausleser. Denn wenn die Samen nicht reif sind, können sie mit der Farbe Schwarz gar nichts anfangen. Oder wenn sie diese vorab bereits geschält haben.

derStandard.at: Das heißt, wenn jetzt in den Medien davon die Rede ist, dass man die schwarzen Samen erkennen hätte können, so stimmt das nicht?

Girsch: Bereits in einer Vorstufe hätte man die Reinigung und die Qualitätskontrolle vornehmen müssen und nicht erst beim Endprodukt. Das ist ein absolut falscher Ansatz. So etwas gehört, gerade im Biobereich, bereits am Feld erkannt. Die Fotozelle alleine funktioniert sicher nicht.

derStandard.at: Gibt es Richtlinien für den Endkonsumenten, die ihm Sicherheit geben?

Girsch: Eine obligatorische Norm gibt es in der Produktion nicht. Auch nicht im qualitativen und quantitativen Prozess in Hinblick auf die Verunreinigungen im Biolandbau. Es gibt nur die Regel, dass Kontaminaten und gesundheitsgefährdende Samen natürlich nicht vorhanden sein dürfen. Nur das ist frei nach Schiller.

derStandard.at: Treten Verunreinigungen wie diese in der Praxis häufig auf?

Girsch: Alles hat zwei Seiten. Die Natur ist nicht nur gut. Wir können nicht alles im Griff halten.

derStandard.at: Sie sehen hier ein Naturereignis und kein fahrlässiges Handeln im Vordergrund?

Girsch: Das hat damit nichts zu tun. Ich glaube, dass man da niemanden entlassen darf. Die gesamte Produktionskette hat hier die Verantwortung wenn sie Lebensmittel erzeugt, dass Kontaminaten schlichtweg nicht vorzukommen haben.

derStandard.at: Welche Kontaminanten außer Stechapfel gibt es noch?

Girsch: Vor einigen Jahren gab es die große Problematik bei Hybrid-Roggen, der anders abblüht. Es kam zu einem erhöhten Mutterkorn Aufkommen in Grenzregionen (Anm. Regionen wo das Wachstum von Roggen auf natürliche Art nicht möglich ist). Bei der Anwendung von Genetik in Grenzregionen der Roggenproduktionen kommt es dann auf einmal zu sehr, sehr viel Mutterkorn. Das heißt, wenn Sie die Natur mit Kultursorten vergewaltigen und die Genetik das möglich macht, dann schlägt die Natur zurück und bildet Mutterkorn aus.

Somit ist das Verständis der natürlichen Zusammenhänge auch ein essentielles Problem in Hinblick auf die Ernährungssicherheit. Wir glauben, wir können alles machen. Das geht zwei Jahre, aber das dritte Jahr nicht mehr.

derStandard.at: Wie kann dieses Verständnis geschaffen werden?

Girsch: Entlang des gesamten Bogens der Nahrungsmittelproduktion vom Boden bis zum Teller muss schlichtweg ein System der Kompetenzüberwachung in ein Rad gebracht werden. Da ist der Biolandbau besonders gefordert. Weil das Risiko natürlicher Problemstellungen von Kornrade, Mutterkorn, Brandbuten, Steinklee über Stechapfel natürlich ein größeres ist. Diese werden nicht Unkraut, sondern "Beikräuter" genannt. Obwohl alle giftige Kontaminationen ausbilden können.

Diese giftigen Samen sind im Österreichischen Saatgutgesetz und auch auf EU Ebene geregelt. Wenn aber nicht zertifiziertes Saatgut verwendet wird, dann bedarf es einem Verständnis für natürliche Zusammenhänge, damit sich so etwas nicht vermehrt, in das Erntegut und den weiteren Anbau gelangt.

derStandard.at: Durch den Biogoldhirse Fall besteht natürlich eine Verunsicherung von Seiten der Konsumenten...

Girsch: ... das ist sehr schade. Für mich ist das aber nicht ganz unerwartet. Weil der Konsument natürlich manche romantischen Vorstellungen hat. Gefragt ist Professionalität im Hinblick der Produktüberwachung und Produktkontrolle.

derStandard.at: Wenn Sie von romantischen Vorstellungen sprechen, fehlt es im Biolandbau in der Produktion an Fachkompetenz?

Girsch: Alles was ich ihnen aufgezählt habe - und noch viel mehr - haben Sie in einem nicht kontrolllierbarem Ausmaß am Feld. Und das müssen sie dann richtig erkennen. Das ist die Herausforderung.

derStandard.at: An wen?

Girsch: So schade es ist, dass so etwas passiert: Die Sensibilität ist gestärkt und das ist gut. In den Proben die wir untersuchen sind Basisverunreinigungen. Mit der richtigen Sensibilisierung erreichen wir das zu Erkennen: Was passiert draußen am Feld, welches Risiko haben wir und das muss jemand bewerten, der sich auskennt und sagt: 'Bitte passt´s auf!'

derStandard.at: Ist diese Fachkenntnis nicht Grundvoraussetzung für einen Landwirt?

Girsch: So einfach geht das nicht. Viele Bauern, die heute Biobauern sind, waren vielleicht 20 Jahre lang konventionelle Bauern. Das heißt der Umgang mit der Natur ist ein massiver Lernprozess und wir haben sicherlich zuwenig in Wissen und Knowhow investiert um diese Zusammenhänge wieder zu begreifen.

Wir tragen gern dazu bei, wir bei der AGES sehen die Landwirtschaft als Fundament und Quelle der Lebensmittelsicherheit. Und ich muss dafür kämpfen und kann das Problem nicht alleine damit lösen indem ich einhunderttausend Proben untersuche.
(Andrea Niemann)

Zur Person

Dipl.-Ing. Leopold Girsch, ist Direktor der Abteilung Landwirtschaft der AGES (Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit).
Er studierte an der TU Maschinenbau und an der BOKU Landwirtschaft, war landwirtschaftlicher Sachverständiger, ab 1982 hatte er diverse Funktionen in der ehemaligen Bundesanstalt für Pflanzenbau. Er war Leiter des Institutes für Saatgut des ehemaligen Bundesamtes und Forschungszentrums für Landwirtschaft

Zusätzlich hatte er diverse Funktionen in internationalen Organisationen, aktuell ist er Chairman der OECD-Saatgutschemata und Mitglied in diversen Komitees und Arbeitsgruppen.

  • Helle bearbeitete Stechapfelsamen
    foto: ages/weinhappel

    Helle bearbeitete Stechapfelsamen

  • Unbehandelte, natürliche Stechapfelsamen
    foto: ages/weinhappel

    Unbehandelte, natürliche Stechapfelsamen

  • Stechapfelsamen Probe
    foto: ages/weinhappel

    Stechapfelsamen Probe

  • Kornrade Samen
    foto: ages/weinhappel

    Kornrade Samen

  • Mutterkorn
    foto: ages/weinhappel

    Mutterkorn

  • Taumellolch
    foto: ages/weinhappel

    Taumellolch

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