Danièle Huillet 1936–2006

11. Oktober 2006, 17:21
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Abschied von einer zentralen Künstlerin und Vordenkerin des Autorenkinos

Danièle Huillet schuf gemeinsam mit Jean-Marie Straub epochale Werke wie "Nicht versöhnt" oder "Schwarze Sünde". Zwei ihrer letzten gemeinsamen Filme laufen bei der Viennale.


Wenn eine Frau und ein Mann ein Leben lang gemeinsam Filme machen, dann ist Dialektik nicht das schlechteste Prinzip. Danièle Huillet lernte Jean-Marie Straub Ende der 50er-Jahre in Paris kennen. "Ich mochte überhaupt nicht blonde Leute mit heller Haut; als ich klein war, fand ich nichts schöner als die Mädchen auf der Schule in Paris (wo ich erst als ich 13 war, hinkam – vorher war ich auf dem Lande), die schwarz waren ... Nur war eben Straub blond mit sehr heller Haut, leider! Ich hatte Englisch und Spanisch gelernt und musste nun Deutsch und schließlich Italienisch lernen ... Schön dialektisch!"

Gemeinsam haben Jean-Marie Straub und Danièle Huillet ("die Straubs", wie sie häufig tituliert wurden) ein filmisches Gesamtwerk geschaffen, das auch dann noch an entscheidenden Positionen der Moderne festhielt, als Postmoderne, Spaßkultur, Ironie, Zynismus längst dominant geworden waren. Straub/Huillet haben das arbeitsteilige Medium Kino auf die Paarbeziehung verdichtet – sie haben fast alles gemeinsam gemacht, was nicht unbedingt delegiert werden musste: Produktion, Drehbuch (häufig die Bearbeitungen eines literarischen Texts), Regie, Schnitt.

Das intimste Dokument dieser Arbeit ist vielleicht "Cézanne" (1989), in dem Straub und Huillet aus dem Off zu hören sind. Sie lesen aus den Gesprächen zwischen Paul Cézanne und Joachim Gasquet, in der für sie typischen, eigenwilligen Intonation. Die Malerei, die das Bild auf seine materiellen Elemente zurückführt, ohne es vollständig abstrakt werden zu lassen, war für Straub und Huillet ein Vorbild ihres "materialistischen" Kinos, das sie in den frühen 60er-Jahren erstmals erprobten.

Der Kurzfilm "Machorka-Muff" und der mittellange "Nicht versöhnt" wandten sich viel grundsätzlicher gegen die Art und Weise, wie Westdeutschland schon wenige Jahre nach dem Krieg zur Tagesordnung überging. Bölls "Hauptstädtisches Journal" und "Billard um halb zehn" wurden dabei selbst zum Material einer Bearbeitung, die nicht einfach das Aufbegehren einzelner Figuren in den Vordergrund rückt, sondern die Unversöhnlichkeit zur eigenen Form macht.

In "Nicht versöhnt" hatte Danièle Huillet einen Auftritt, sie spielt die junge Johanna Fähmel. Auch später trat sie immer wieder selbst vor die Kamera, so auch in "Schwarze Sünde", einer Verfilmung des dritten Entwurfs von Hölderlin zu seinem Stück "Der Tod des Empedokles". Auch wenn sie kaum darüber geredet haben, aus einer prinzipiellen Abwehr gegen das Biografische heraus, spricht doch viel dafür, dass Danièle Huillet den Kanon der "Straubs" maßgeblich geprägt hat. Für Hölderlin und Brecht hat sie Deutsch gelernt.

Der Arbeitsteilung nach innen entsprach eine Arbeitsteilung nach außen, die ein wenig nach herkömmlichen Geschlechterverhältnisse aussah: Straub als der "Entertainer" mit Whisky und Zigarre, während Huillet ganz hinter das Werk zurückzutreten schien. Wahr ist, sie war keine Feministin, weil ihr diese Front zu klein war. Danièle Huillet zielte auf die allgemeine Ablösung der herrschenden Verhältnisse. "Und ich glaube, unsere Filme – das ist so ein Moment, wo eine Krise anfängt oder anfangen wird. Oder sagen wir, der Zweifel."

In diesem Herbst waren Straub/Huillet mit ihrem neuen Film "Quei loro incontri" in Venedig im Wettbewerb. Das Paar sagte einen Besuch wegen gesundheitlichen Problemen ab. Nun ist Danièle Huillet, die als interessantestes biografisches Datum immer ihren Geburtstag am 1. Mai 1936 nannte, in La Verrie, westlich von Paris, gestorben. (Bert Rebhandl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.10.2006)

  • Artikelbild
    foto: viennale
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