Unabhängige Studie: 650.000 Tote durch US-Invasion

16. Oktober 2006, 18:03
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Irakische und amerikanische Ärzte errechneten Verdopplung der jährlichen Sterberate - Pentagon weist Berichte zurück

Baltimore - Durch die Folgen des Krieges von 2003 im Irak sind nach einer regierungsunabhängigen Untersuchung fast 655.000 Menschen ums Leben gekommen. Die Studie amerikanischer und irakischer Ärzte wurde am Mittwoch vom britischen Medizin-Journal "The Lancet" online veröffentlicht. Sie untermauere eine vor zwei Jahren erschienene Einschätzung derselben Ärztegruppe, wonach es bis zum damaligen Zeitpunkt rund 100.000 zusätzliche Todesfälle seit Kriegsbeginn gegeben habe. Seitdem habe sich die Situation dramatisch verschlechtert.

Verdopplung der jährlichen Sterberate

Die Wissenschaftler um Gilbert Burnham von der Johns-Hopkins- Universität in Baltimore (US-Staat Maryland) hatten für die jetzt veröffentlichte Untersuchung 1849 Haushalte mit knapp 13.000 Menschen an 47 zufällig ausgewählten Orten im Irak besucht. Dort fragten sie nach Todesfällen zwischen Jänner 2002 und Juni 2006, mit dem Ergebnis, dass rund 87 Prozent der 629 Registrierten nach Kriegsausbruch ums Leben gekommen waren. Das entspricht mehr als einer Verdoppelung der jährlichen Sterberate seit Beginn der US-Invasion von 5,5 auf 13,3 Todesfälle unter 1000 Menschen.

Kriegsfolgen

Hochgerechnet kommen die Forscher auf landesweit 392.979 bis 942.636 zusätzliche Todesfälle im Irak durch Kriegsfolgen mit einem Mittelwert von 654.965 Toten - das sind rund 2,5 Prozent der Bevölkerung. Das Fachblatt betont die solide Methodik der Untersuchung. Alle vier Gutachter hätten die Veröffentlichung empfohlen, heißt es in einem redaktionellen Kommentar des ältesten Medizinjournals der Welt. Eine Gutachterin habe unterstrichen, dass diese Analyse "möglicherweise die einzige nicht regierungsfinanzierte wissenschaftliche Untersuchung sei, die eine Abschätzung der Zahl irakischer Todesfälle seit der US-Invasion liefere".

Sterbeurkunden

Für 92 Prozent der registrierten Todesfälle seien Sterbeurkunden ausgestellt worden, schreiben die Wissenschaftler in ihrer Studie. Demnach waren mit 55 Prozent die meisten zusätzlichen Todesfälle gewaltsam. Demzufolge waren 31 Prozent der registrierten Toten aus der Zeit nach der Invasion durch Schüsse ums Leben gekommen, jeweils 7 Prozent durch Luftangriffe und Autobomben und 8 Prozent durch andere Explosionen. Dabei unterscheidet die Studie nicht, ob es sich bei den Toten um Zivilisten oder Soldaten handelt. Die Autoren der Studie betonen die völkerrechtliche Bedeutung ihrer Ergebnisse.

"Keinesfalls mehr als 50.000 Todesopfer"

Das US-Verteidigungsministerium hat die Studie der amerikanischer und irakischen stark zurückgewiesen. Es seien keinesfalls mehr als 50.000 Tote, sagte der Kommandant der multinationalen Streitkräfte im Irak, General George Casey, am Mittwoch (Ortszeit) in Washington. US-Präsident George W. Bush hatte im Dezember vergangenen Jahres die Zahl der getöteten Iraker noch mit 30 000 angegeben.

Weiter schwierige Lage

Die Sicherheitslage im Irak wird nach den Worten von Casey auch in den kommenden Monaten schwierig bleiben. Der Konflikt habe sich von einem Aufstand gegen die US-Truppen in einen Kampf um politische und wirtschaftliche Macht unter den Irakern verwandelt. Die größte Gefahr seien derzeit schiitische Extremisten, Todesschwadrone und Milizen.

Nach Angaben von Casey konzentrieren sich 90 Prozent aller gewaltsamen Zwischenfälle auf fünf der 18 Provinzen. Man könne deshalb nicht davon sprechen, dass der Irak in religiös motivierter Gewalt oder im Bürgerkrieg versinke.

In zwei Provinzen haben nach den Worten des Generals bereits die irakischen Sicherheitskräfte die Kontrolle übernommen. Bis zum Jahresende sollten vier bis fünf weitere Provinzen folgen.(APA/dpa)

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