Geistesblitz: Eine andere Archäologie

17. Oktober 2006, 19:18
1 Posting

Wiener Chemiker Ernst Pernicka ist neuer Hausherr von Troja

Die Historie, die vor etwa 5000 Jahren auf einem Hügel in Westanatolien begann, war gekennzeichnet von menschlichen wie göttlichen Schlachten und endete im Mittelalter in einem byzantinischen Bischofssitz: die Historie des sagenumwobenen Troja.

Die heute wohl bekannteste Wirkungsstätte von Archäologen fiel schon 1871 in deutsche Wissenschafterhände: Heinrich Schliemann begann auf dem Hügel von Hisarlk, unweit der ägäischen Küste, mit den ersten Ausgrabungen. Und bis zum Tod von Grabungsleiter Manfred Korfmann Ende vergangenen Jahres blieb die Stätte in deutschen Forscherhänden. Nun aber hat Troja einen neuen Hausherrn: den aus Wien gebürtigen 56-jährigen Ernst Pernicka.

Was aber noch mehr verwundert, als dass die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) ihr Prestigeobjekt in die Hände eines Ösis legt, ist das Faktum, dass Pernicka kein Archäologe ist: Er studierte Chemie an der Uni Wien. Was auch die türkischen Behörden vor eine Herausforderung stellte. Grabungslizenzen wurden bisher nur Archäologen geben, es bedurfte einer Gesetzesänderung, um dem Chemiker die Leitung zu übertragen. Vor wenigen Wochen kam das Okay.

Das durch Homers Epos Ilias weltberühmt gewordene Troja beschäftigt Pernicka bereits seit 1983. Er kannte seinen Vorgänger Korfmann, untersuchte immer wieder Fundstücke. Nun muss er das 35 Forscher umfassende Grabungsteam auch managen.

Von der DFG erhält Pernicka vorerst bis 2009 rund 70.000 Euro jährlich, dazu kommen Förderungen zweier Stiftungen. Vorrangiges Ziel ist der Abschluss der bald 20-jährigen Grabung und deren wissenschaftliche Aufarbeitung. Auch wenn Pernicka die Chance auf einen nochmaligen Schatzfund wie bei Schliemann (den Schatz des Priamos) als sehr gering einschätzt, hofft er auf weitere interessante Funde.

So wurde zum Beispiel in Troja noch kein größeres Gräberfeld gefunden. Außerdem will er an Korfmanns umstrittener These weiterarbeiten, wonach Troja von einer ausgedehnten Unterstadt umgeben war und in der Bronzezeit einen bedeutenden Handelsknoten zwischen Ägäis und Schwarzem Meer darstellte. Zudem will Pernicka an der touristischen Nutzung der Ausgrabung weiterarbeiten, in deren Zentrum ein Museum mit Forschungsstation stehen soll. Die Ruine ist bereits von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt worden.

Spezialist für Archäometrie

Pernicka ist Spezialist für Archäometrie, der Untersuchung archäologischer Funde mit naturwissenschaftlichen Methoden. Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde er durch seine Forschungen an der Himmelsscheibe von Nebra: Er bestimmte deren Alter und wies ihre Echtheit nach.

Nach dem Studium in Wien nahm er eine Post-Doc-Stelle am Heidelberger Max-Planck-Institut für Kernphysik an, kehrte anschließend zurück und baute im Forschungszentrum Seibersdorf ein Labor zur Datierung archäologischer Keramik auf. Weil in Österreich aber keine unbefristete Stelle in Aussicht und auch der "Boden für interdisziplinäre Arbeit wie die meine" noch nicht aufbereitet war, ging er wieder nach Deutschland.

Von 1979 bis 1997 leitete er die Arbeitsgruppe Chemie am Max-Planck-Institut, ging dazwischen 1987 für eine Gastprofessur ans Institute for Geophysics and Planetary Physics der University of California in Los Angeles. Nach einem Wechsel an die TU Bergakademie Freiberg nahm er 2004 eine Professur für Naturwissenschaftliche Archäologie am Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters an der Uni Tübingen an, leitet daneben das neue Curt-Engelhorn-Zentrum für Archäometrie in Mannheim.

An eine Rückkehr nach Österreich habe er immer gedacht, "schön wäre das schon gewesen, aber mittlerweile wird das wohl nicht mehr klappen". (red/DER STANDARD, Printausgabe, 11. Oktober 2006)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Ernst Pernicka leitet das "Troja-Projekt" der Universität Tübingen.

Share if you care.