Wenn Almen aufgefressen werden

17. Oktober 2006, 19:18
posten

Seit einigen Jahrzehnten werden immer mehr Weiden und Wiesen in den Alpen aus der Bewirtschaftung genommen - dies hat vielfältige Folgen

Seit einigen Jahrzehnten werden immer mehr Weiden und Wiesen in den österreichischen Alpen aus der Bewirtschaftung herausgenommen. Dies hat vielfältige Folgen für Fauna, Flora und auch für den Menschen, wie Innsbrucker Forscher herausfanden.

*****

Alpine Almflächen gehören zu den ältesten Kulturlandschaften Österreichs. Ihre Natur wird durch Beweidung oder durch Mahd bestimmt, und wo diese Nutzung nicht mehr stattfindet, ändern sich die Verhältnisse im Lauf der Zeit grundlegend. Die Rückkehr zur ursprünglichen Vegetationsform, dem Wald, dauert mindestens ein halbes Jahrhundert.

Wird die Nutzung eingestellt, erobern Zwergsträucher und Latschen die Flächen zurück. Die von diesen Pflanzen abfallenden Blätter, Nadeln und Zweige bilden eine Streuschicht, aus der Gerbstoffe wie Tannine aussickern und eine Ansäuerung des Bodens bewirken. Die Bodenorganismen jedoch sind stark von der Chemie des Bodens abhängig und verändern in der Folge ihre Artenzusammensetzung.

Die unterschiedlichen Tätigkeiten der Bodentiere wiederum haben Rückwirkungen auf die Beschaffenheit des Bodens. Wichtigste Rolle spielen dabei in unseren Breiten die verschiedenen Arten von Regenwürmern: Sie fressen abgestorbene Pflanzenteile und wandeln sie in ihrem Darm zu organisch-anorganischen Verbindungen um, die sowohl die Stabilität als auch das Wasserhaltevermögen des Bodens erhöhen.

Außerdem enthält ihr Kot Mikroorganismen, die die Aufarbeitung von Pflanzenabfällen im Boden beschleunigen. Eine langsam ablaufende Zersetzung der Streuschicht kann weit reichende Folgen haben, denn dann liegt die Streu dem Boden lange Zeit nur auf und hat kaum strukturelle Verbindung mit ihm. Unter diesen Umständen kommt es leicht zu Schneerutschungen und erhöhter Erosion.

Erwin Meyer und seine Mitarbeiterin Julia Seeber vom Institut für Ökologie der Universität Innsbruck befassen sich seit Jahren mit den Zersetzungsvorgängen auf alpinem Weideland. In einem FWF-Projekt untersuchten sie auf der Kaserstattalm im Stubai-Tal auf 2000 Metern die Nahrungsbeziehungen zwischen den größeren Zersetzern, wie Regenwürmern und Tausendfüßern. Als Versuchsflächen dienten eine intensiv genutzte Weide, eine angrenzende vor zehn Jahren aufgelassene Weide, eine intensiv genutzte Mähwiese und eine angrenzende ebenfalls seit 15 Jahren aufgelassene, also nicht mehr gemähte, Wiese. Aus früheren Untersuchungen kennen die Forscher die Zusammensetzung und Besiedlungsdichte der verschiedenen Arten auf diesen Flächen genau.

Artenverschiebung

Tausendfüßer und die Larven bestimmter Mücken und Fliegen, wie Schnaken und Trauermücken, treten auf ungenutzten Flächen vermehrt auf. Gleichzeitig verändert sich das Vorkommen bestimmter Regenwurmarten: So ist der in den obersten Bodenschichten lebende Lumbricus rubellus auf aufgelassenen Wiesen und Weiden nur rund halb so häufig wie auf bewirtschafteten, während die in der Streuschicht lebende Dendrobaena octaedra mit Aufgabe der Nutzung in die Höhe schnellt. Insgesamt ist sowohl die Artenvielfalt als auch die Gesamtmasse der Tiere auf ungenutzten Flächen größer, die Masse der Regenwürmer - vor allem Lumbricus rubellus - jedoch geringer.

Wie die Forscher herausgefunden haben, nimmt Lumbricus rubellus eine zentrale Stellung bei der Zersetzung von organischem Material in diesen Höhen ein, was mit verantwortlich dafür sein dürfte, dass diese auf unbewirtschafteten Flächen weniger effizient vor sich geht. Offenbar ist die Artengemeinschaft, die mit Einstellung der Nutzung entsteht, an die neuen Gegebenheiten nicht optimal angepasst, denn sie braucht für die Zersetzung der anfallenden Streu wesentlich länger.

Um die Abbauvorgänge genauer zu untersuchen, bediente sich die Forscher aus Plastikröhren erbauten Bodenmodellen (Mesokosmen). In die Mesokosmen setzten sie eine Gesellschaft von mehreren Bodentieren, deren Position im Nahrungsnetz sie aus vorhergegangenen Untersuchungen dank einer neuen Methode, der Stabilen Isotopen-Analyse, kannten. Diese basiert darauf, dass jedes Element mindestens zwei natürlich vorkommende stabile Isotope enthält, deren Verhältnis zueinander davon abhängt, welche biochemischen Vorgänge sie durchlaufen haben. Der Vergleich dieses Verhältnisses mit einem Standard erlaubt unter anderem die Rekonstruktion des Weges von bestimmten Nährstoffen innerhalb eines Ökosystems oder auch innerhalb eines Tieres, woraus sich auf die Zusammensetzung seiner Nahrung und seine Position in seinem Nahrungsnetz schließen lässt.

Dabei hatten sich Lumbricus rubellus und der Tausendfüßer Cylindroiulus fulviceps als die Primär-Zersetzer der aufgelassenen Flächen herausgestellt, also als jene Tiere, die die Streu zerkleinern und damit für andere Organismen angreifbar machen.

Schließlich wurde die Erde in den Mesokosmen mit Gras und Zwergstrauchblättern bedeckt. Eine gängige Meinung der Bodenbiologie besagt, dass sich das Zersetzungsgeschehen an der Waldgrenze unter anderem deshalb verlangsamt, weil die Bodentiere die dort zahlreich anfallende Zwergstrauchstreu nicht verarbeiten können. Wie sich zeigte, kann es daran nicht liegen, denn sowohl Lumbricus rubellus als auch der Tausendfüßer bevorzugten im Laborversuch die Zwergstrauchblätter gegenüber dem Gras.

Woran es wirklich liegt, hoffen Meyer und sein Team im laufenden Projekt zu klären, denn je besser wir die bodenbiologischen Vorgänge an der alpinen Waldgrenze kennen, desto eher lassen sich negative Auswirkungen der sich ändernden Bedingungen in den Alpen abschätzen und vielleicht sogar entschärfen. (Susanne Strnadl/DER STANDARD, Printausgabe, 11. Oktober 2006)

  • Alpenflora (von links): Glockenblume, Habichtskraut, Aster, Pyramiden-Günsel, Enzian.
    fotos: der standard/blv; aka

    Alpenflora (von links): Glockenblume, Habichtskraut, Aster, Pyramiden-Günsel, Enzian.

Share if you care.