Das Auto am Kompost

17. Oktober 2006, 19:18
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Trotz Recyclings ist Kunststoff unser liebstes Wegwerfprodukt - Kunststoffe aus Pflanzen würden die Umwelt weniger belasten

Trotz Recyclings ist Kunststoff unser liebstes Wegwerfprodukt. Kunststoffe aus Pflanzen würden die Umwelt weniger belasten. Sie sind zwar noch Zukunftsmusik, aber Forscher entwickeln schon Technologien, mit deren Hilfe der Traum von weniger Plastik im Müll Realität werden könnte.

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Aus Früchten und Gemüsen werden Kunststoffe. Die verwendet man in der Verpackungs-, und Pharmaindustrie, auf dem Bau und bei der Autoproduktion. Statt auf den Schrottplatz landet das Auto oder wenigstens seine Innenausstattung künftig auf dem Komposthaufen. Der Bauer ist nicht mehr länger Lebensmittelproduzent, sondern Rohstofflieferant. Ein Szenario, das bald Realität werden könnte. Denn die europäische Landwirtschaft sucht nach Anbau- und Einkommensalternativen im Non-food-Bereich, die Kunststoffindustrie will sich aus der Abhängigkeit von Erdölproduzenten lösen. Die Kunststoffindustrie verbraucht nach dem Energie- und Transportsektor am meisten Erdöl.

Die Lobby

Rund 50 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Fläche sind EU-Stilllegungsflächen. Bauern sollen nun nachwachsende Rohstoffe, Biomasse, produzieren. Der Verein "European Bioplastics", Lobby der Biokunststoff-Produzenten, rechnet: Bei einem zukünftigen Marktanteil der Biokunststoffe von zehn Prozent würde man zur Produktion der erforderlichen Rohstoffmenge, etwa zehn Millionen Tonnen Zucker oder Stärke, etwa zehn Prozent der Stilllegungsfläche benötigen.

European Bioplastics verweist auch auf die hohe Wertschöpfung des Kunststoffbereichs, denn Kunststoffe kosten heute oft mehr als 1200 Euro pro Tonne. Ein Argument, das in Niederösterreich ernst genommen wird. Wirtschaftslandesrat Ernest Gabmann: "Mit einer Jahresproduktion von 100.000 Tonnen könnten wir 250 Arbeitsplätze zusätzlich schaffen." Bauern hätten als "Energiewirte und Zulieferer für die Verpackungsindustrie" eine neue Identität.

Wachstumschancen sehen die Niederösterreicher nicht nur für die Kunststoff-Cluster-Regionen Ober- und Niederösterreich, sondern für die ganze Europaregion Mitte.

Der rentabelste Rohstoff für die Biokunststoff-Produktion in Österreich ist Getreide. Mais oder Weizen kommen am ehesten infrage, so Andreas Windsperger vom Institut für Industrielle Ökologie. Windsperger hat das Potenzial von Biokunststoffen untersucht. Seine Rechnung: Um 100.000 Tonnen Bio-Kunststoff auf Polymilchsäure-Basis zu erzeugen, braucht man eine Getreidemenge von 240.000 Tonnen und zu deren Produktion eine Fläche von 50.000 Hektar.

Derzeit sind drei Bio-Kunststofftypen auf dem Weltmarkt: Stärkewerkstoffe, Polymilchsäure (PLA, Polyester) und Cellulosewerkstoffe. Die Zukunftsvision der Amerikaner ist Kunststoff aus Früchten. Einem Chemikerteam der University of Wisconsin ist es bereits gelungen, aus Fruktose das Rohmaterial für Polystyren zu gewinnen.

Zurück in die Gegenwart. In Niederösterreich verwendet man Polymilchsäure (Polylactat, PLA). Zur Gewinnung von Polymilchsäure wird der Stärke, die man bei der Fermentation des Getreides entnommenen hat, Zucker zugesetzt. Zum Gemisch kommen Bakterien, die für die Verwandlung in Milchsäure sorgen. Durch Polymerisation wird aus der Milchsäure feste Masse, die man granuliert. Dieser thermoplastische Polyester ist für die Extrusion, das Schmelzspinnen und den Spritzguss tauglich.

Zurzeit findet man Biokunststoffe vor allem in Supermarktregalen als Verpackung (Folien, Schalen) von Obst und Gemüse. Der Vorteil für den Handel: Verdorbene Waren können mit der kompostierbaren Verpackung entsorgt werden. Ein weiteres Verwendungsgebiet ist der Catering-Bereich. Lästiges Trennen von Nahrungsresten und Geschirr wird überflüssig.

Die Alternative

Konsumentinnen und Konsumenten werden mit der Initiative "N-Packt's" über die umweltfreundliche Alternative informiert. Bio-Verpackungen erkennt man am Logo mit dem Keimling.

Das Institut für Naturstofftechnik am Interuniversitären Departement für Agrarbiotechnologie (IFA) des Technopols Tulln, dessen Kernkompetenzen im Spritzguss und in der Extrusion von Naturstoffen liegen, forscht an weiteren Anwendungsgebieten.

Etwa im Bau- und Möbelbereich: Dämm- und Füllmaterialen könnten durch kompostierbare oder recyclebare Alternativen sehr gut ersetzt werden.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Autoinnenausstattung: Bauteile für den Innenraum, wie Türverkleidungen, Hutablagen und Teile zur akustischen Dämpfung, sind Zukunftspotenziale für den Biokunststoff.

Was die Markteroberung durch Biokunststoffe noch hemmt, ist deren Preis: noch sind sie in der Herstellung viermal teurer als der Kunststoffe aus Erdöl. (Jutta Berger/DER STANDARD, Printausgabe, 11. Oktober 2006)

  • Die Natur fährt mit, wenn das Auto vielleicht einmal zu einem großen Teil aus Biokunststoff besteht.
    foto: der standard/regine hendrich, bildbearbeitung: michaela pass

    Die Natur fährt mit, wenn das Auto vielleicht einmal zu einem großen Teil aus Biokunststoff besteht.

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