Müllnotstand in Neapel: Überfüllte Deponien

12. Oktober 2006, 20:18
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In den Straßen von Neapel stinkt es erbärmlich, der Abfall von Wochen versperrt die Gehwege und täglich kommt neuer Müll dazu

Kreuzfahrtpassagieren, die in Neapel an Land gehen, bietet sich seit einigen Tagen ein neues Fotomotiv. Statt auf den Vesuv oder auf die Piazza del Plebiscito richten sie ihre Objektive auf die gewaltigen Müllberge, die sich in der Hafenstadt türmen. Seit der Schließung von drei ausgelasteten Deponien herrscht in Kampanien Müllnotstand.

In manchen Gemeinden erreichen die stinkenden Müllberge den ersten Stock der Gebäude, Schulen und Kirchen sind geschlossen, viele Menschen tragen Atemmasken. 36.000 Tonnen Müll türmen sich in den Gemeinden zwischen Neapel, Salerno und Avellino, täglich kommen 7000 dazu.

Am Montag hat die Regierung den Zivilschutzbeauftragten Guido Bertolaso als Sonderkommissar nach Neapel entsandt. Der will die drei geschlossenen Deponien vorübergehend wieder öffnen; gegen den Widerstand der betroffenen Bevölkerung. Die einzige Verbrennungsanlage Kampaniens ist noch nicht fertig gestellt. Vier Millionen in Folien geschweißte Müllballen lagern auf teilweise ungesicherten Deponien. Jährlich sind 40.000 Quadratmeter zusätzliche Lagerfläche notwendig. Allein zum Abbau dieser Ballen sind nach Schätzungen von Experten 30 Jahre erforderlich.

Export zu teuer

Die Mülltransporte zu österreichischen und deutschen Verbrennungsöfen wurden wegen der hohen Kosten fast gänzlich eingestellt. Laut Verantwortlichen der steirischen Deponien in Frohnleiten und am Erzberg gab es vor fünf Jahren Gespräche über eine Entsorgung des Mülls aus Neapel, heutzutage wäre das schon aus gesetzlichen Gründen nicht mehr möglich.

Für die Camorra ist die illegale Entsorgung von Haus- und Sondermüll seit Jahren ein gutes Geschäft. Vielfach wurde gefährlicher Giftmüll einfach vergraben. Dementprechend problematisch ist die Lage in der Region. An vielen Orten ist das Grundwasser noch in 100 Meter Tiefe verseucht, die Dioxinbelastung liegt weit über den Grenzwerten, die Bevölkerung leidet unter gesundheitlichen Problemen und läuft Sturm gegen die weitere Nutzung überfüllter Deponien, deren Schließung seit Jahren von der Verwaltung verzögert wird.

Die neapolitanische Tageszeitung Il Mattino schreibt von einer "moralischen und politischen Schande". Der soll Guido Bertolaso nun ein Ende setzen. Sein Rezept: "Wir können nicht umblättern, wir müssen ein neues Buch schreiben."

Was da Neues drinstehen soll, weiß bisher niemand.
(Von Gerhard Mumelter aus Rom/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.10. 2006)

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    Neapel sehen und speien: Bis zum ersten Stock der Häuser türmt sich dort der Müll, ein Experte der Regierung soll nun eine Lösung finden.

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