Das Einmaleins des Kulturkonsums

11. Oktober 2006, 20:14
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"Aber wie komm ich hin?": Erwachsenenbildung KulturPur für Menschen mit Behinderungen im Dornbirner Institut für Sozialdienste

Dornbirn - "Wie wär's mit Kino?", fragt Anna-Lena. Es laufe "Crossing the Bridge", ein Musikfilm. "Spielt in Istanbul, mit einem Musiker von den Einstürzenden Neubauten", sagt die junge Kursleiterin. "Naaaa, des is wirklich nix für mich", Barbara schüttelt heftig den Kopf , "Einstürzende Neubauten, so was." Sie will "zum Vortrag mit den sechs Rollstuhlfahrern, die in Amerika waren." Das habe sie falsch verstanden, sagt Lukas, es gehe um eine ganz andere Diaschau. "Barbara, zwei Radler und nicht sechs Rollstuhlfahrer, und die fahren durch Südamerika, nicht Amerika."

Lukas ist ein genauer und hilfsbereiter junger Mann. Davon profitiert Jutta, seine Freundin. Die würde schon gerne zum Maori-Abend. "Aber wie komm ich hin?" Kein Problem, er habe doch einen Fahrplan, sagt Lukas. "Ich organisier das schon für dich." Barbara immer noch auf USA-Tour. "Die sechs sind super. Kenn' ich vom Fernsehen."

Caroline hat genug von Rollstuhl- und Radfahrern. "Barbara, jetzt bist still, sonst bekommst ein Schloss wie der Papageno." Im allgemeinen Gelächter erinnert sich Caroline an die Zauberflöte. Sie steht auf Oper, Konzerte und Videos. Dass Caroline mit den Augen nicht sehen kann, tut da nichts zur Sache. Barbara mag die Helden im Rollstuhl, weil sie selbst auf zwei Rädern mobil ist. "So durch Amerika fahren, das muss super sein." Aber jetzt solle man doch endlich vorwärts machen mit der Diskussion, meint Tina. "Gibt's kein tolles Theater?" So ein Stück wie "Die Frau, die einen Truthahn heiratete"? Das hätte sie gerne noch einmal gesehen. "Aber leider hatte niemand Zeit."

Viele Menschen mit Behinderung würden gerne am kulturellen Leben teilhaben, es fehlt aber an Gleichgesinnten. Oder an der Information, an der Routine. Hier hakt der Kurs "KulturPur" des "Kreisel" ein, ein "Bildungsangebot für Menschen mit Behinderungen und bildungsferne Personen". Jeden ersten Donnerstag im Monat treffen sich die jungen Menschen im Dornbirner Institut für Sozialdienste. Sie lernen dort das Einmaleins des Kulturkonsums: Einen Veranstaltungskalender, ein Programmheft lesen, sich etwas aussuchen, Karten reservieren, kaufen und schließlich miteinander ins Theater, Konzert oder Kino gehen. Das Ziel des Kurses sei die Selbstständigkeit, sagt Lisbeth Nussbaumer, Kreisel-Koordinatorin. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen die "Scheu vor unbekannten Veranstaltungsorten verlieren", Routine beim Kartenkauf, Fahren mit Öffis bekommen und sich schließlich "ganz eigenständig verabreden und treffen". (Jutta Berger/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.10. 2006)

Kontakt: 05572/21331

der Standard Webtipp: Institut für Sozialdienste
  • "Wohin gehen wir?": KulturPur erleichtert die Entscheidung.
    foto: standard/ch. grass

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