Depression ist weiblich

10. Oktober 2006, 19:48
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Frauen begeben sich öfter in Therapie

Graz - Gut doppelt so viele Frauen als Männer sind in Österreich wegen einer Depression in Behandlung. "Das liegt nicht an einer größeren, genetisch bedingten Verwundbarkeit, sondern vor allem an der größeren Belastung", erklärt Rainer Gross, der am Landesklinikum Holla- brunn die sozialpsychatrische Abteilung leitet. Gross war am Mittwoch in Graz Gast des Aktionstags "Depression kann jeden treffen". Depressionen bei Frauen entstünden oft durch Mehrfachbelastungen durch Arbeit, Familie, Kinder, Trennung oder Neueinstieg in den Beruf und seien daher "eher sozial als biologisch" bedingt. Frauen fiele es aber leichter, sich in Therapie zu begeben.

Männer hingegen, sagt der Psychiater, hätten damit oft Probleme: "Das Bild des Mannes lässt sich nicht mit dem des Kranken vereinbaren", weshalb die Krankheit oft im Verborgenen bliebe. Viele Betroffene würden zu Alkoholmissbrauch oder Aggressionen neigen. Auch die Altersdepression hält der Experte für ein unterschätztes Problem: "Früher hat man einfach gesagt: 'Die sind halt traurig, weil sie wissen, dass sie bald sterben'." Vor allem in der alten Generation sei, wenn die Frau stirbt, "der Mann oft auch erschossen". Für Gross erklärt das zum Teil die hohe Suizidrate dieser Altersgruppe.

Offener Umgang

Angehörigen und FreundInnen von Betroffenen rät Gross zu einem offenen Umgang: "Man kann demjenigen sagen, dass die Depression kein Schicksal ist und auch keine Strafe Gottes. Es ist eine Krankheit, und zwar eine, die sich gut behandeln und in den allermeisten Fällen auch heilen lässt."

Organisiert wurde der Aktionstag vom Verein "pro mente", der sich für mehr gesellschaftliche Toleranz gegenüber Menschen mit psychischen Erkrankungen einsetzt. (fog/DER STANDARD, Printausgabe 11.10.2006)

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