Derwische und Drones

10. Oktober 2006, 18:59
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Das Jeunesse-Festival "In Trance" im Wiener Odeon

Wien - An sich stellen sie sich ja in vielerlei Musiken ein, jene Momente der Entrückung oder des "Hineinkippens", jene Zustände veränderter Wahrnehmung, die unsere Erlebnisqualität zu einem Gutteil prägen. Es ist zweifellos ein Verdienst des von Ute Pinter und Miriam Schreinzer kuratierten Festivals "In Trance - Musik im Rausch der Sinne", diesen Phänomenen in Genres nachzuspüren, die man gemeinhin kaum mit dem Thema in Verbindung bringt - und die Erwartungshaltung gegenüber schamanistischen Exotismen eher am Rande zu befriedigen.

Denn "Trance" kann auch das Einlassen auf die hypnotisierende Songwirkung der vielschichtigen, vom einem knarrenden Bass geräuschvoll kontrapunktierten Drones bedeuten, die das auf Trio-Format reduzierte Kammerflimmer Kollektief um Elektroniker Thomas Weber aus Karlsruhe choreografiert.

Sie kann in der Konzentration liegen, mit der Charlotte Hug der Stille dissonante Akkordfragmente von zerbrechlicher Filigranität ablauscht, indem sie die Bogenhaare ihrer Bratsche aus der Halterung entlässt, um jene Klänge um vielgesichtige Vokalisen zu zarten Collagen zu ergänzen. Und sie findet sich in jener meditativen Versenkung, in der Charles Curtis den Obertonspektren seines Cellos - anhand von Eliane Radigues Naldjorlak - nachlauscht.

Während man im Zuge der schwindelnden Sema-Rituale der Mevlevi-Derwische aus Istanbul, begleitet vom ausgezeichneten Ensemble Sarband, endlich im Rahmen der bekannten Trance-Musiken anlangt. Dass die Entrückung freilich in den Köpfen der Hörenden selbst passieren muss, auch daran hat man bei der Jeunesse gedacht - und dem Publikum in Gestalt von Josef Trattners Installation O genannten Schaumstoffquadern die Gelegenheit gegeben, sich selbst die körperfreundlichste Lage zum Abheben und Wegtauchen zu suchen. (Andreas Felber/ DER STANDARD, Printausgabe, 11.10.2006)

11. 10., "Tarantella". Odeon, (01) 505 63 56.
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