Erfolg der Entgrenzung: Musikbiennale in Venedig

11. Oktober 2006, 17:15
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Das Festival der Moderne erlebt unter Intendant Giorgio Battistelli einen Aufschwung

Neben Auftritten hochkarätiger Ensembles und Uraufführungen dürfte auch eine unideologische Vielfalt der Stile dafür verantwortlich sein.


Venedig - Giorgio Battistelli war hoch erfreut. Der künstlerische Direktor des Festival Internationale di Musica Contemporanea saß gerade im Pressegespräch am sonnendurchfluteten Campo Santo Stefano, als per Anruf einlangte, dass der heurige Kartenverkauf gegenüber dem letzten Jahr um fast 60 Prozent auf 9500 gestiegen ist, was fast eine Verdopplung gegenüber 2004, dem Jahr, als Battistelli das Festival übernommen hatte, bedeutet.

Woher dieser plötzliche Hunger nach einer, so der Intendant, zuvor jahrelang dahindümpelnden Musikbiennale? Battistelli nennt mehrere Gründe. Zum einen den ästhetischen Pluralismus, der das heurige Programm weithin prägte und zu intensiven Debatten führte. Dann den Versuch, neue ungewöhnliche Aufführungsorte und junge Publikumsschichten zu erschließen. Und nicht zuletzt das Motto des heurigen Festivals (dem mit "Flieg, Gedanke!" zu übersetzenden Beginn aus Verdis Gefangenenchor aus Nabucco), welches Musik und Philosophie zu Auseinandersetzungen über die Richtungen und den Stellenwert der zeitgenössischen Musik zusammenführte.

Aus Anlass des 50-jährigen Bestehens der Musik-Biennale wurden heuer erstmals auch zwei "Leoni d'Oro" verliehen. Neben Friedrich Cerha, der ihn für sein Lebenswerk bekam, wurde der in Wien lebende Komponist und Klangforum-Gründer Beat Furrer mit dem "Goldenen Löwen für die Musik der Gegenwart" für sein Werk Fama ausgezeichnet.

Schmunzeln

Bezeichnend für den Stilpluralismus der heurigen Biennale waren die italienische Erstaufführung von Michaël Levinas La conférence des oiseaux im Teatro Piccolo Arsenale sowie das Konzert des Orchestra Sinfonica Nazionale della Rai im Teatro la Fenice. Levinas' als szenisches Konzert gezeigte Kammeroper verknüpft Sprechgesang, Ensemble und die sehr beherrschende Elektronik zu einem stellenweise intensiven, aber schwer zu entschlüsselnden Amalgam. Im Fenice folgten Luigi Nonos 1984 geschriebenes und vom Rai-Orchester unter Paul Daniel mit viel Ruhe und Intensität umgesetztes A Carlo Scarpa mit Toshio Hosokawas Circulating Ocean, Jonathan Doves Suite orchestrale da 'Flight" und Thomas Adès Asyla - drei Werke für großes Orchester also, die durch ihre extrem unterschiedlichen ästhetischen Ansätze Schmunzeln bis Befremdung auslösten.

Verfolgungsjagd

Schafft Hosokawa mit einem sehr fein gesponnenen und in allen Farben schimmernden Klangnetz einen Debussy zum Quadrat, so ist bei Dove die Hollywood-Filmmusik in ihrer reinsten Form vertreten. Alles war da: die Verfolgungsjagd, die Liebesszene, der einsame Held und dessen Apotheose. Radikale Umkehr dann bei Adès. Bizarr anmutende Rhythmik, die wiederholt in regelrechte Technobeats mündet, und holzschnittartige Orchesterklänge schaffen ein gefesseltes und zugleich an seinen Gitterstäben rüttelndes Klangbild.

Nervös machen

"Ich mag es, die Menschen nervös zu machen", so Battistelli auf die Frage nach dem Hintergrund dieser Programme. Die meisten Festivals der neuen Musik beschränkten sich zu sehr auf eine bestimmte Richtung. Er wolle die ganze Bandbreite der Neuen Musik zeigen, die Unterschiede etwa der Kompositionsstile in Mitteleuropa, in Skandinavien oder im anglikanischen Raum. Und zugleich die Frage nach den selbst gesetzten Grenzen einer jeweiligen Stilrichtung stellen.

Auf die Frage, ob die kulturpolitische Situation in Italien unter Prodi nun grundsätzlich besser werde, bleibt Battistelli skeptisch. So kämpfe etwa das Nono-Archiv in Venedig mit finanziellen Problemen und sei die Neue Musik kein Programm, um sich in der breiten Öffentlichkeit zu profilieren. Battistelli setzt mit Koproduktionen hier auf internationale Dimensionen. Auch, um die regionalen Grenzen eines Festivals zu erweitern. Nicht ohne Erfolg. (Robert Spoula aus Venedig/ DER STANDARD, Printausgabe, 11.10.2006)

  • "Conférence des oiseaux": Italienische Premiere für das Kammermusikwerk für 13 Musiker und elektronische Musik von Michaël Lévinas (Im Bild Sopranist Fabrice Di Falco)
    foto: biennale musica

    "Conférence des oiseaux": Italienische Premiere für das Kammermusikwerk für 13 Musiker und elektronische Musik von Michaël Lévinas (Im Bild Sopranist Fabrice Di Falco)

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