"Wunderbare stilistische Bastarde"

10. Oktober 2006, 18:39
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Nick Gold, Produzent und Chef der 20-Jahr-Jubiläum feiernden Plattenfirma "World Circuit" im STANDARD-Gespräch: Er gilt als Begründer der Kuba-Welle in der Weltmusik

Mit dem STANDARD sprach Gold über Dinge, die aus dem Ruder laufen und über Whitney Houston in der Sahara.


Wien - Manche Dinge müssen erst schief gehen, damit etwas Gescheites daraus wird. 1996 etwa plante Nick Gold, der britische Produzent und Inhaber des zentralen Weltmusik-Labels World Circuit, gemeinsam mit US-Stargitarrist Ry Cooder nach Kuba zu gehen. Dort wollte das schon drei Jahre zuvor mit der gemeinsam mit dem afrikanischen Blues-Großmeister Ali Farka Touré eingespielten Platte Talking Timbuktu bestens bewährte Team Cooder/Gold gemeinsam mit jungen Gitarristen aus Mali in den legendären EGREM-Studios in Havanna die Wurzeln der afrokubanischen Musik erkunden. Die sollten bekanntlich Anfang des 20. Jahrhunderts in New Orleans unter anderem dazu führen, dass es heute so etwas wie den Jazz gibt.

Der heute 45-jährige Nick Gold holte sich jetzt anlässlich der 20-Jahr-Feiern seiner Firma in Wien Fünffach-Platin für das im Rahmen dieser legendären Sessions entstandene Album Buena Vista Social Club. 150.000 verkaufte CDs, allein in Österreich. Nick Gold im Interview:

"Man kann planen, wie man will, wirklich interessant wird es erst, wenn alles aus dem Ruder läuft. Ry Cooder und ich hatten damals seit Jahrzehnten verschollene alte Musiker aus Kuba gesucht wie Compay Segundo oder Ibrahim Ferrer. Wir hatten auch schon Studiozeit in Havanna gebucht. Wir wollten sie mit afrikanischen Musikern zusammenbringen und einfach schauen, was passiert. Doch dann ging etwas mit den Visa für die Musiker aus Mali schief und sie durften nicht kommen. Deshalb begannen wir im Studio einfach zu improvisieren. Und die kubanischen Musiker holten laufend Freunde dazu. Dass daraus zusätzlich zum Buena Vista Social Club mit Alben von Afro-Cuban All Stars Ibrahim Ferrer, Rubén González, Orlando ,Cachaito' Lopez oder Omara Purtuondo eine ganze Kuba-Welle werden sollte, war damals nicht abzusehen."

Den Rest kennt man als die größte und kommerziell erfolgreichste aller nach Afrika in den 80er-Jahren und jetzt Balkan-Sounds im neuen Jahrtausend aufschäumenden Erfolgswellen der Weltmusik. Auch Nick Gold weiß als ehemaliger Geschichtsstudent der Sussex University mit Schwerpunkt "Geschichte der revolutionären marxistischen Bewegungen in Afrika", dass hier mitunter nicht nur Musikliebhaber auf der Suche nach Erweiterung ihres Hörverhaltens unterwegs sind. In der Weltmusik geht es auch immer ein wenig um Freizeitfluchten aus der verkommenen westlichen Welt hin zu kulturellem Kolonialismus oder der Suche nach unverfälschter Authentizität in den Volksmusiken vom Wohlstand und der global beherrschenden US-Pop-Leitkultur noch nicht oder unzureichend gesegneter Ethnien.

Faire Behandlung

Danke schön, meint der von London aus operierende Gold. Das Thema der Ausbeutung von Musikern aus der Dritten Welt als jeweils letztem Schrei der Saison muss er sich zwar oft gefallen lassen. Andererseits legt er Wert auf die Feststellung, dass seine Firma im Gegensatz zu anderen "westlichen Botschaftern" von Musik aus Kuba oder Afrika die Künstler nicht kurzfristig verheize.

Stichwort: europäische Agenturen, die derzeit top-aktuelle Roma- und Sinti-Blasmusikorchester und ihre "Balkan-Beats" zu Hungerlöhnen durch die Welt jagen und dabei schamlos abkassieren. Eine Musik, die Gold zwar als ewig fanatischen Plattensammler und Musikbesessenen interessiert, aber beruflich rein zeitlich verschlossen bleiben muss.

Nick Gold: "Wenn Sie die Geschichte meiner Firma von ihren Anfängen herauf mitverfolgen, werden Sie feststellen, dass wir nur langfristig und sehr sorgfältig mit unseren Künstlern arbeiten. Die Vorbereitungen für Plattenaufnahmen mit afrikanischen Künstlern wie Ali Farka Tourè, Toumani Diabaté, Orchestra Baobab oder Afel Bocoum dauern mitunter ein Jahr. Wir versuchen die Künstler auch immer aus ihrer musikalischen Routine herauszuholen und sie mit Fremdeinflüssen oder Musikern aus dem Westen zu konfrontieren."

Und weiter: "Zum Thema Bezahlung kann ich nur sagen: im Westen werden unsere Musiker überaus fair prozentuell am Verkauf beteiligt. Für Afrika stellen wir ihnen die Studiobänder gratis zur Verfügung. Davon ziehen sie dann bei ihren Konzerten verkaufte Cassetten, von denen dann wiederum Raubkopien gezogen werden, von denen dann ... Versuchen Sie nicht, in Afrika den Begriff geistiges Eigentum zu erklären! "

Ein Album, auf das er besonders stolz sei, liegt jetzt als Vermächtnis vor. Savane vom heuer im Frühjahr an Knochenkrebs verstorbenen Freund und Vater des heute auch touristisch an der südlichen Saharagrenze hochgehandelten "Desert Blues", Ali Farka Touré.

Nick Gold: "Wir konfrontierten ihn mit meiner Meinung nach wesensverwandter US-Funk- und Bluesmusik. Er sagte, schön, aber was habe ich damit zu tun?! Ich werde jetzt ein authentisches Mali-Album machen! Herauskam ein wunderbarer stilistischer Bastard. Es gibt keine authentischen Volksmusiken mehr. Whitney Houston dudelt überall aus dem Radio. Selbst in der Sahara. Glauben Sie mir." (Christian Schachinger / DER STANDARD, Printausgabe, 11.10.2006)

Weiterlesen: >>> London, Mali, Kuba: Die Erfolgsgeschichte der Weltmusikfirma World Circuit

London, Mali, Kuba

Die Erfolgsgeschichte der in London beheimateten, heute führenden Weltmusikfirma World Circuit beginnt wie so viele mit dem Abbruch eines Hochschulstudiums. Mitte der 80er-Jahre hat der heute 45-jährige, fanatische (Jazz-)Plattensammler Nick Gold vom trockenen Studium der afrikanischen Geschichte genug. Er beginnt bei einer auf afrikanische Musik spezialisierten Konzertagentur das Mädchen für alles zu spielen. 1986 ging daraus die Plattenfirma World Circuit hervor.

Seit dem haben sich Gold und sein Team vor allem auf Musik aus Westafrika spezialisiert und mit Künstlern wie dem heuer verstorbenen Ali Farka Touré als Vaterfigur, Toumani Diabaté, dem Orchestra Baobab oder Afel Bocoum einen fixen Stamm an Musikern, um den herum sorgsam und genau Plattenaufnahmen arrangiert werden.

Den größten, bis heute mehrere Millionen mal verkauften Coup landet Nick Gold aber gemeinsam mit US-Gitarrist Ry Cooder, als 1996 mit dem Buena Vista Social Club und seinen steinalten Protagonisten die große alte Zeit der kubanischen Musik aus den 50er-Jahren wiederaufleben lässt. (schach)

  • Nick Gold, mit dem späten Ali Farka Tourè 2005 während Aufnahmen in Mali.
    foto: world circuit

    Nick Gold, mit dem späten Ali Farka Tourè 2005 während Aufnahmen in Mali.

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