Wiedersehen

17. Oktober 2006, 20:32
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S. war mein Dealer gewesen. Er hatte mir geholfen, mir einen Kleinwagen durch den Kopf zu ziehen. Mindestens.

Es war am Samstag. Da stand mir S. dann gegenüber und freute sich. So, wie wenn man zufällig einen alten Schulfreund wieder sieht, den man schon beinahe vergessen hat: Man freut sich – hat sich aber nicht zwingend viel zu sagen. Aber das macht nichts. Und als ich bezahlt hatte und im Gehen war, rief er mich noch einmal zurück. Um sich, wie er sagte, zu bedanken. Weil wir ihn jung gehalten hätten.

Ich verstand nicht. Aber S. zeigte in die Runde: Der Laden brummte – und wir beide waren die Ältesten. Mit Abstand. Die Szenerie wirkte wie eine Rückblende – und S. merkte das sofort: Ich sei, sagte er, nicht der einzige ehemalige Stammkunde, dem es so gehe, wenn er nach Jahren einmal mehr oder weniger zufällig wieder in seinen Laden stolpere.

Tonträgerversorger

Stolpern ist gar nicht so falsch: Auch wenn ich die zwei Stufen, die von der Gasse in S. kleinen Plattenladen führen, früher mindestens einmal wöchentlich nahm, hatte das immer ein bisserl etwas stolpriges an sich. Nicht nur bei mir, auch bei den anderen, die da mit schöner Regelmäßigkeit ihr Geld gegen Tonträger mehr oder weniger obskurer Bands eintauschten:

Damals, in der Steinzeit, existierte noch eine strenge Demarkationslinie zwischen "Mainstream" und "Underground". Musik wurde auf Vinyl vertrieben – und das daher weithin sichtbare grüne Sackerl aus S. Laden war ein Statement. Oder ein Ausweis. Vor allem, seit es den Shop von N., mit schwarzen Sackerln, ein paar hundert Meter weiter bergauf, nicht mehr gab.

Mein Dealer

S. war mein Dealer. Er wusste, was ich brauchte. Ich vertraute ihm fast blind, zog mir – um es mit den Worten des eierspeisblonden Barden zu sagen – locker einen Kleinwagen durch die Ohren und fluchte bei jeder Übersiedelung über das Gewicht, das Musik damals hatte. Doch dann, weder ich noch meine Freunde von damals wissen mehr, wie und wann genau, begann der Magnetismus der Tür zum Land der grünen Plastiksackerln nachzulassen. Bis der Eingang zu S. Shop nur noch eine weitere, wenn auch emotional besetzte, Tür am Weg zur U-Bahn war.

Bei meiner letzten Übersiedlung landeten die Platten dann – gut verpackt und unter Wehklagen, aber eben doch – im (hoffentlich wirklich) trockenen Keller. Und die beiden Laufwerke verstauben in einem Eck des Arbeitszimmers. Aufeinander gestellt und nicht an den Verstärker angeschlossen: Musikversorgung? Ich gebe meinen alten iPod an einen Bekannten und sage "Bitte vollmachen". Und shuffle dann durch einen Blind-Date-Dschungel.

Goldgräberblicke

Am Samstag aber stolperte ich doch wieder einmal in S. Laden. Es sah aus wie früher, roch wie früher und klang wie früher. Und die Buben, die sich da durch die Tonträger gruben, hatten den Goldgräberblick, den auch wir früher hatten. S. stand hinter dem Tresen und hütete den Tonarm des Plattenspielers. Wer den selbst heben und umsetzen durfte, erinnerte ich mich, hatte es geschafft. Er war im Reich von S. in die Oberliga aufgenommen..

S. früher langes, dichtes und schwarzes Haar ist dünner geworden. Kürzer. Und grau. Aber das Grinsen und die Augen sind immer noch so, wie früher. Anstatt zu wühlen (wonach hätte ich suchen sollen?) bestellte ich. Ich zahlte und war schon fast wieder auf der Stufe nach draußen, als S. mich zurückrief. Er sei mittlerweile über 50. Stehe seit über 20 Jahren hier. Und genösse es immer noch: Er habe einfach keine Zeit gehabt, alt zu werden. Und das fiele ihm vor allem dann auf, wenn ehemalige Stammkunden nach Jahren plötzlich wieder auftauchten.

S. meinte es nicht so – aber außer der Platte einer alten Lieblingsband hatte er auch einen kleinen, stechenden Schmerz in das grüne Sackerl gepackt.

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