"Den USA kann man nicht trauen"

14. Oktober 2006, 17:12
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In Nordkorea reagieren die Menschen mit Stolz auf angeblichen Atomwaffentest

Pjöngjang/Bangkok – Erleichterung und Stolz – das ist die Reaktion in Nordkorea auf den angeblichen Atomwaffentest. Die Menschen seien „allgemein darüber erleichtert, dass sie der Bedrohung der USA erstmals ein wichtiges Abschreckungsmittel entgegenhalten können“, sagt der Schweizer Felix Abt, Direktor des Handelsunternehmens _Peninsula Partners in der nordkoreanischen Haupt_stadt Pjöngjang. Nordkorea sei schließlich erklärtermaßen eines der wichtigsten Erstschlagsziele der Vereinigten Staaten. Den USA, so hätten Mitarbeiter und Geschäftspartner in Gesprächen geäußert, „kann man nicht trauen“.

Nordkoreaner erinnern in diesem Zusammenhang an die im September 2005 als Durchbruch gefeierte Einigung zwischen Nordkorea und den USA in den so genannten Sechs-Parteien-Gesprächen: Nordkorea hatte sich bereit erklärt, sein Atomwaffenprogramm aufzugeben, die Verhandlungspartner (USA, Südkorea, Japan, Russland und China) stellten dem Regime Öl, Energiehilfen, Sicherheitsgarantien und die Normalisierung der Beziehungen in Aussicht.

Washington erließ aber Finanzsanktionen, die Nordkorea in den Kollaps treiben sollten. Guthaben in Übersee wurden eingefroren, Finanztransaktionen erschwert. Pjöngjang zog sich aus den Gesprächen zurück. „Für den durchschnittlichen Nordkoreaner“, so Abt, „sind die USA deshalb verschlagen und feindselig, ähnlich wie die Japaner“ – auch wenn diese Meinung nicht unbeeinflusst sei von den lokalen Medien.

Abgeschottet

Die Menschen in Nordkorea leben abgeschottet von der Außenwelt. Selbst Radio- und Fernsehgeräte sind auf die Frequenzen der staatlichen Kanäle geeicht. Doch in den vergangenen Jahren ist über den Handel mit China auch der Informationsfluss beträchtlich angewachsen. Aus indoktriniertem Patriotismus und Angst vor Strafen sagen die Menschen nicht offen, dass die Revolution gescheitert ist. Aber man kann auch indirekt kritisieren: In den 60er- und 70er-Jahren sei das Land weiter entwickelt gewesen als Südkorea damals, heißt es etwa.

In Pjöngjang gibt es zwar ein eingeschränktes Warenangebot, geheizte Wohnhäuser und Strom, meist rund um die Uhr. Auf dem Land ist das aber nicht der Fall. Dass das Regime nun den „großen Sprung“ zur Atommacht eine „heldenhaften Zeit“ nennt, während das Volk leidet und friert, entgeht auch den Nordkoreanern nicht. (Daniel Kestenholz/DER STANDARD, Printausgabe, 11.10.2006)

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