USA vermuten Erdbeben hinter zweitem "Atomtest"

14. Oktober 2006, 17:12
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Verwirrung um neuen Test - UN-Sicherheitsrat ringt um Sanktionen - China erstmals bereit zu Maßnahmen - Zwei­fel an Test mehren sich

New York/Tokio - Die Spekulationen über einen eventuellen zweiten nordkoreanischen Atomtest könnte durch ein Erdbeben ausgelöst worden sein. Das Nationale Geologische Institut der USA teilte mit, es habe ein Beben der Stärke 5,8 nahe der Küste Nordjapans verzeichnet. Der Stoß habe sich in einer Tiefe von 30 Kilometern ereignet. Zugleich hatte ein japanischer Fernsehsender berichtet, dass es am Morgen ein Beben in Nordkorea gegeben habe. Weder Japan noch die USA bestätigten den Bericht. Ein Sprecher des Weißen Hauses in Washington sagte, der Bericht stehe möglicherweise im Zusammenhang mit einem Erdbeben in Japan.

Zweiter Atomtest nicht bestätigt

Ein südkoreanischer Präsidentensprecher sagte, es gebe keine Hinweise auf neue seismologische Aktivitäten in Nordkorea.

Nach dem Atomwaffentest Nordkoreas hat sich China erstmals für Sanktionen gegen sein Nachbarland ausgesprochen. Es müsse Strafmaßnahmen gegen Pjöngjang geben, sagte Chinas UN-Botschafter Wang Guangya nach einem Treffen der fünf UN-Vetomächte und Japans am Dienstag in New York. Allerdings müssten diese "angemessen" sein, betonte er.

Die Botschafter der sechs Staaten konnten sich vorerst nicht auf das Ausmaß von Sanktionen einigen und wollten ihre Beratungen am Mittwoch fortsetzen. Ein Bericht über einen zweiten Atomwaffentest Nordkoreas wurde von den Regierungen Japans, Südkoreas und der USA umgehend dementiert.

Bedachte Reaktion

Wang sagte, einige Elemente von Kapitel VII der UN-Charta sollten in der Resolution enthalten sein. Die Reaktion auf den nordkoreanischen Atomwaffentest müsse "hart, konstruktiv und angemessen" sein, aber zugleich "bedacht". US-Botschafter John Bolton nannte Wangs Äußerung "bedeutend", wenngleich die USA damit "nicht voll einverstanden" seien. Bei den Beratungen habe es aber "Fortschritte" gegeben.

China pflegt neben Russland enge Beziehungen zu Nordkorea und lehnte daher bisher Sanktionen gegen seinen wichtigsten Handelspartner ab. Den Atomwaffentest vom Montag hatte Peking jedoch in ungewöhnlich scharfer Form verurteilt. Kapitel VII der UN-Charta enthält unter anderem die Möglichkeit eines militärischen Eingreifens. Mit Artikel 41 gibt es aber auch eine Passage, in der ausdrücklich "Maßnahmen ohne die Anwendung militärischer Gewalt" gemeint sind. China könnte sich dafür aussprechen, nur diesen Teil von Kapitel VII zu beschließen.

Finanztransaktionen eingeschränkt

Die USA hatten vorgeschlagen, Nordkorea den Handel mit "Waffen und verwandten Materialien", mit Atomtechnik sowie mit Luxusgütern zu untersagen. Außerdem sollen nach dem Willen Washingtons alle Im- und Exporte inspiziert und Finanztransaktionen eingeschränkt werden.

Zudem soll Nordkorea aufgefordert werden, den Atomwaffensperrvertrag zu respektieren, mit der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO/IAEA) zusammenzuarbeiten und seinen Boykott der Sechs-Nationen-Gespräche mit den USA, China, Russland, Japan und Südkorea aufzugeben. Japan will darüber hinaus nordkoreanischen Schiffen die Einfahrt in ausländische Häfen verweigern. Auch nordkoreanische Flugzeuge sollen das Land nicht mehr verlassen dürfen.

Warnung von Rice

US-Außenministerin Condoleezza Rice warnte Pjöngjang vor dem Einsatz einer Atomwaffe. "Ich denke, es ist den Nordkoreanern bewusst, dass das Abfeuern einer Atomwaffe nicht gut für die Sicherheit Nordkoreas wäre", sagte sie dem US-Nachrichtensender CNN am Dienstag. Pjöngjang sei durchaus klar, "was dann passieren würde". Rice schloss einen Angriff der USA aus: "Die USA haben nicht vor, Nordkorea anzugreifen oder dort einzumarschieren", sagte sie.

Zuvor hatte Pjöngjang mit dem Abschuss einer atomar bestückten Rakete gedroht und dies vom Verhalten der USA abhängig gemacht. Am Montag hatte Nordkorea einen erfolgreichen Atomwaffentest verkündet und damit heftigen internationalen Protest ausgelöst.

US-Zweifel an Atomtests

Die Zweifel der US-Regierung an den nordkoreanischen Informationen über einen gelungenen Atomtest waren amerikanischen Medienberichten zufolge auch am Dienstag nicht ausgeräumt. Die US-Geheimdienste gingen noch immer davon aus, dass es keinen wirklichen nuklearen Test gegeben habe, berichtete die "Washington Times" unter Berufung auf namentlich nicht genannte Geheimdienstexperten. Die seismographischen Messungen nach der Explosion wiesen laut der Zeitung eher auf die Sprengung einer großen Menge konventionellen Sprengstoffs hin.

Das Pentagon schließt nach einem Bericht des Nachrichtensenders CNN nicht aus, dass Nordkorea den Atomtest aus Propagandagründen vorgetäuscht habe. Die für einen Atomtest ungewöhnlich schwachen Auswirkungen schürten weiter Zweifel an der nordkoreanischen Darstellung.

Frankreich bezweifelt Atomtest-Darstellung

Der gemeldete Atomtest ist auch nach französischer Einschätzung entweder fehlgeschlagen oder keine Nuklear-Explosion gewesen. Darauf deute die relativ geringe Intensität der Detonation hin, sagte die französische Verteidigungsministerin Michele Alliot-Marie am Mittwoch dem Radiosender Europe 1. Bisher hat eigenen Angaben zufolge lediglich Russland Hinweise darauf, dass eine Atomexplosion stattfand.

"Was wir festgestellt haben, war ganz eindeutig eine Explosion begrenzten Ausmaßes", sagte Alliot-Marie Europe 1. "Heute ist es angesichts der geringen Kraft schwer zu sagen, ob es eine sehr große, aber konventionelle Explosion war oder eine Nuklear-Explosion ... Wenn es eine Nuklear-Explosion war, ist sie fehlgeschlagen", sagte sie. "Das macht das Ganze jedoch nicht weniger ernst." Frankreich selbst hat Atomwaffen und unternahm zuletzt im Jahr 1996 einen Atomtest. (APA/Reuters)

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    Am Dienstag bewarfen nordkoreanische Soldaten Journalisten, die in einem Boot vor der an der chinesischen Grenze liegenden Hafenstadt Sinuiju kreuzten, mit Steinen.

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    Internationale Proteste gegen Nordkoreas Aomtest, hier eine Demonstration in Manila, Philippinen.

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