Neue Entdeckungen im Vatikanischen Geheimarchiv

17. Oktober 2006, 14:28
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Notizen des späteren Papstes Pius XII. - Forscher: "Man braucht 1000 Akten dazu, um einen Zettel zu verstehen"

Münster/Rom - Deutsche Forscher sind im Vatikanischen Geheimarchiv auf die handschriftlichen Notizen des späteren Papstes Pius XII. (1939-1958) aus den Jahren 1930 bis 1939 gestoßen. Davon erhoffen sie sich wegweisende Erkenntnisse über seine Arbeit als Kardinalstaatssekretär, sagte der renommierte Kirchenhistoriker Prof. Hubert Wolf von der Universität Münster am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Die Auswertung werde jedoch noch Jahre dauern: "Man braucht 1000 Akten dazu, um einen Zettel zu verstehen."

Kritik am Umgang mit dem Holocaust

Kritiker werfen dem Papst vor, zum Holocaust geschwiegen zu haben. Verteidiger von Pius XII. - darunter auch jüdische Historiker und Organisationen - weisen hingegen darauf hin, dass durch die mittelbare und unmittelbare Intervention des Papstes allein in Rom zehntausende Juden gerettet wurden. In der Sommerresidenz des Papstes in Castel Gandolfo wurden etwa hunderte Verfolgte versteckt.

Die Akten des Archivs zeigten, dass die Kurie über weltpolitische Ereignisse bestens unterrichtet war. "Das kann man jetzt erst einmal nur bis 1939 sagen, weil das Archiv nur bis dahin geöffnet ist", sagte Wolf mit Blick auf die Reaktion des späteren Papstes Pius XII. zum Holocaust. "In dem Moment, wo die Regierungskreise etwa in England und den USA sicher von der 'Endlösung' (der von den Nationalsozialisten geplanten Vernichtung der Juden, Anm.) wussten, wusste es der Vatikan auch."

Audienzen bei Papst Pius XI.

Die Notizen informierten über Inhalte der täglichen Audienzen des damaligen Kardinalstaatssekretärs Eugenio Pacellis bei Papst Pius XI., sagte Wolf. "Sie zeigen: Was sind die Themen, die der Staatssekretär für so wichtig erachtet, dass er sie nicht selbst entscheidet, sondern Rücksprache mit dem Papst nimmt." Auf den Zetteln stünden jedoch nur knappe Hinweise mit Nummern von Berichten sowie die Entscheidung des Papstes. "Wenn Sie nicht wissen, was sich hinter der Nummer versteckt, was der Nuntius berichtet hat und was der Kardinalstaatssekretär entworfen hat, wissen Sie gar nichts."

Während die deutschen Angelegenheiten bereits seit drei Jahren erforscht werden, müssen Historiker bei anderen Ländern oftmals neue Schneisen in den Akten schlagen. "Wenn es etwa um den Konflikt Japan-China geht oder die Sudetenfrage, dann müssen wir erst in den entsprechenden Länderserien die Berichte finden und sehen, was dahinter steckt", sagte Wolf. "Doch mit den Notizen Pacellis haben wir einen wichtigen Schlüssel in der Hand."

Über den 1876 in Rom geborenen Pacelli, der von 1917 bis 1929 Apostolischer Nuntius in Deutschland war und 1939 Nachfolger von Papst Pius XI. wurde, geben nach Auskunft von Wolf vor allem seine etwa 4500 Nuntiaturberichte Auskunft. Spannend sei der Vergleich, wie Pacelli später im Vatikan mit den Informationen aus Deutschland umgegangen sei, sagte Wolf. Die Forscher aus Münster planen eine Internet-Edition dieser Berichte. (APA/dpa)

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    Die entdeckten Notizen informierten über Inhalte der täglichen Audienzen des damaligen Kardinalstaatssekretärs Eugenio Pacellis bei Papst Pius XI.

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