Fremde Spiegelbilder

28. November 2006, 01:20
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„Megacities“ – ein melodramatischer Dokumentarfilm

Wie kann ein Film das unmäßige Versprechen dieses Titels einlösen? Wie in zwölf Kapiteln "Geschichten vom Überleben" aus vier der größten Städte der Welt erzählen, ohne sich im Gezeigten zu verlieren? Indem man auf die Sinnlichkeit der Erfahrung vertraut. Darauf, dass im Kleinsten noch das Größte sich spiegeln kann. Indem man zu den Menschen hingeht und die Augen öffnet dafür, wie sie leben und was sie tun: Suppe aus Hühnerfüßen verkaufen in Mexiko Stadt. Den Müll aus den Abwasserkanälen von Mumbai fischen.

 

Mit Drogen und nicht vorhandenen Prostituierten dealen in New York. Unter solchen Umständen fallen die einfachste und die radikalste Art des Hinsehens in eins.

Der Dokumentarfilm sei für ihn eine Art der Lebensweise, hat Michael Glawogger einmal zu Protokoll gegeben.

So kann er sich Elemente der Inszenierung erlauben, die er selbst passender „Verdichtung“ nennt: der Wirklichkeit ihr Kondensat abringen. Sein Credo lautet: Was sich nicht von selbst zeigt, hätte auch niemals gestellt werden können. In seinen Spielfilmen ist Glawogger ein genauer Beobachter von Lebenswirklichkeit, in seinen Dokumentarfilmen erweist er sich als begnadeter Erzähler. Eine geradezu schmerzlich unersättliche Neugierde treibt diesen Film voran, der kaum den Atem findet, bei einem seiner Protagonisten länger zu verweilen.

Unter den dutzenden Figuren bleiben vergleichsweise wenige im Gedächtnis, diese dafür unauslöschlich: Babu Khan, der Farbensieber, der in seinen bunten Wolken unendliche Traurigkeit ausstrahlt. Cassandra, die in einem Sexvarieté einen burlesken Tanz aufführt und ihren Körper allen Männerhänden zur Verfügung stellt, in einer Mischung aus Verehrung und Erniedrigung. Oder Shankar, der Bioskopmann, der achtlos fortgeschmissene Schnipsel aus Bollywood-Filmen sammelt, diese mit Nadel und Faden zusammennäht und für ein paar Rupien auf der Straße vorführt.

Natürlich ist diese Figur neben vielem anderem auch ein Alter Ego des Regisseurs (und nicht die einzige). Glawogger verzichtet zwar auf kommentierenden Voice-Over, keinesfalls verzichtet er auf einen Kommentar. Unter der Oberfläche – besser: unter der Haut dieses Films, der uns wie ein pulsierender, verletzbarer Organismus angeht – verbirgt sich ein ganzer Diskurs darüber, was es heißt, heute Filme zu drehen. Immer wieder sucht der Filmemacher Spiegelbilder seiner selbst und findet sie an den unwahrscheinlichsten Orten. Dass er ihnen ihr Fremdsein belässt, anstatt sie im Exotismus zu verklären, macht die Gerechtigkeit des Films aus: Es geht um das Ethos der richtigen Haltung in einer Begegnung zwischen Menschen auf diesem Planeten. Vielleicht hat Glawogger mit diesem Film das unmögliche Genre erfunden: den melodramatischen Dokumentarfilm, den Versuch einer Versöhnung der Maßlosigkeit der Wirklichkeit mit sich selbst.

Dietmar Kämmerer, Journalist und Filmkritiker (taz, Spex, kolik.film, u. a.)

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